neue Lu: Herr Merkel, Sie traten im Februar 2000 die Stelle des Bau- und Umweltdezernenten an. Worin lag die Herausforderung?
Merkel: Ludwigshafen ist eine Stadt, in der man sehr gut leben und wohnen kann. Dieses Image auszubauen und zu verfestigen, habe ich von Anfang an als eine meiner wichtigsten Aufgaben angesehen und ich denke, hier sind wir einen großen Schritt vorangekommen. Es war mir von Anfang an wichtig, ein offenes Ohr für die Belange der Bürgerinnen und Bürger zu haben und die Menschen vor Ort in dynamische und transparente Planungs- und Entscheidungsprozesse einzubinden. So konnten wir gemeinsam viele wichtige Projekte in unserer Stadt auf ein starkes Fundament stellen.
neue Lu: Im Laufe Ihrer Amtszeit konnten viele Projekte umgesetzt werden, welche davon liegen Ihnen besonders am Herzen?
Merkel: Oh, da gibt es viele. Natürlich gehört die Entwicklung des Rheinufers Süd und des Zollhofhafen-Areals dazu. Genauso wie die Rettung des Wildparks, die Sanierung von Pfalzbau, Wilhelm-Hack-Museum und einer Vielzahl von Schulen. Aber besonders unter die Haut ging mir der Anblick der Häuser am Postwiesenpfad, deren Keller nach einem Unwetter unter Wasser standen. Da musste schnell ein Konzept her, dass dies in Zukunft nicht mehr passieren kann.
neue Lu: Ein Großteil der städtischen Gebäude, die vom Gebäudemanagement unterhalten werden, sind Kindertagesstätten und Schulen. Eine Sisyphusarbeit, genauso wie die Instandhaltung der Straßen?
Merkel: Bildung ist die Grundlage aller gesellschaftlicher Teilhabe und natürlich braucht die Stadt dafür eine entsprechende Infrastruktur. Auch hier gilt es, diesen großen Anspruch mit der Realpolitik in Einklang zu bringen. Was die Schulen und Kindertagesstätten betrifft, muss man sagen, dass zunächst die Auflagen des Brandschutzes erfüllt werden mussten. Dies allein war schon eine Herausforderung.
Darüber hinaus haben wir große Um- beziehungsweise Neubauten in Angriff genommen. So können jetzt viele Schulen als Ganztagsschulen genutzt werden. Neben den laufenden Sanierungsarbeiten an Dächern, Fassaden, Fenstern, Toiletten und den großen PCB-Sanierungen konnten zudem Sporthallen und Außenanlagen renoviert oder neu angelegt werden. Wenn man Sisyphusarbeit als eine Aufgabe betrachtet, die trotz großer Mühen so gut wie nie erledigt sein wird, dann denke ich hier eher an unsere Anstrengungen, den Sanierungsstau bei den Straßen abzubauen.
Viele müssten von Grund auf neu aufgebaut werden. Nach jedem Winter sind wir jedoch gerade mal froh, die schlimmsten Frostschäden beseitigen und die Verkehrssicherheit wieder herstellen zu können. Teile der Hochstraße Nord mussten wir bereits für Lkws sperren, nur mit ordentlichen, der Bedeutung der Straße meines Erachtens auch angemessenen, Landes- und Bundeszuschüssen kann die wichtige Verkehrsader saniert werden.
neue Lu: Ludwigshafen als attraktiven Wohnort in der Metropolregion zu positionieren, ist erklärtes Ziel der Stadtspitze. Welche Rolle spielt Ihr Dezernat dabei?
Merkel: Eine wichtige Rolle spielt die Stadtplanung, die Baurecht schafft für Wohnen, aber auch für Gewerbe- und Industrieansiedlungen. Die Verkehrsplanung hat sowohl den Ausbau der Radwege wie auch den öffentlichen Nahverkehr im Blick.
Im Jahr 2009 sind wir als fahrradfreundlichste Stadt in Rheinland-Pfalz ausgezeichnet worden. Der Bereich Umwelt sorgt mit Luftreinhalte- und Lärmminderungsplänen, Boden- und Wasserschutz für gesunde Lebensbedingungen in Ludwigshafen. Dass der Verkehr fließen kann, dafür arbeitet der Bereich Tiefbau unentwegt an der Erneuerung von Straßen und Brücken. Ständig im Einsatz sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauaufsicht. Sie schließen Bordelle, Spielhallen und Wettbüros, die illegal eröffnet wurden, und kontrollieren die Einhaltung der Bebauungspläne.
Die Stadtvermessung hat uns einen digitalen Stadtplan beschert, der den Ansprüchen der Internetnutzer gerecht wird. Sie bringt die Bodenrichtwertkarte heraus, Grundlage für viele Hausbesitzer, Makler und Kaufinteressierten.
Die Bildung des neuen Gebäudemanagements war ein Kraftakt. Nun sorgt es wirtschaftlicher für die Neugestaltung und Sanierung von Schulen und Verwaltungsgebäuden. Dann haben wir die Gruppe der Stadterneuerer, die neben den bisherigen Gebieten wie Hemshof, Oggersheim, Ruchheim, Friesenheim und Mundenheim in den letzten zehn Jahren noch Teile von West, der Innenstadt und Süd als Sanierungsgebiete ausgewiesen haben. Zu einer lebenswerten Stadt gehört ein sauberes Umfeld ebenso wie eine funktionierende Infrastruktur.
Die über 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WBL sorgen für die als doch so selbstverständlich empfundenen Leistungen: Sie halten die Verkehrswege rein, leeren die Rest-, Altpapier- und Biotonnen, holen die Gelben Säcke ab, sorgen im Winter für geräumte und gestreute Straßen, kümmern sich um über 1.000 Hektar Grünflächen und pflegen Parks und Friedhöfe. Die Stadtentwässerung unterhält das gesamte Kanalnetz und die Pumpwerke von Ludwigshafen.
neue Lu: Die Sanierung des Wilhelm-Hack-Museums wurde mit dem Greenbuilding-Preis ausgezeichnet. Zudem gab es den Energieeffizienzpreis der Stiftung Ökologie und Demokratie. Ist das Balsam für die Seele?
Merkel: Solche Auszeichnungen freuen einen natürlich. Das Wilhelm-Hack-Museum wurde Dank der Zusammenarbeit mit der LUWOGE-Consult, die das energetische Konzept entwickelt hatte, zum Vorzeigeobjekt einer energieeffizienten Modernisierung im musealen Bereich. Sowohl das modernisierte Museum wie auch der frisch sanierte Pfalzbau, der noch zusätzlich eine energetische Sanierung durchlaufen wird, sind weitere wichtige Bausteine auf unserem Weg zur "Hauptstadt der Energieeffizienz" - den LUWOGE und GAG bereits geebnet haben.
neue Lu: Sie haben das Ressourcen schonende Modernisieren von Gebäuden angesprochen. Welche Rolle spielt der Klimaschutz in einer Industriestadt?
Merkel: Wie in jeder anderen Stadt müssen wir erst recht in einem industriellen Ballungsraum die Weichen stellen, dass unsere künftigen Generationen in einer intakten Umwelt leben können. Dafür haben wir in Ludwigshafen sogar noch einen weiteren Vorteil: Da wir Standort zweier weltbekannter Dämmstoffhersteller sind, verstehen wir uns als "Wiege der Wärmedämmung".
Wir können stolz darauf sein, dass in unserer Stadt in den letzten Jahren bezüglich Energieeffizienz und Klimaschutz Maßstäbe gesetzt wurden. Hier spielen wiederum die LUWOGE und GAG eine zentrale Rolle, wenn ich nur an das erste Drei-Liter-Haus im Bestand und an das bundesweit ausgezeichnete Bürogebäude Luteco erinnern darf. Neben vielen eigenen Klimaaktivitäten, wie den Energie-Tischen und Photovoltaikanlagen auf städtischen Gebäuden, haben wir mit der Ernennung eines zentralen Klimaschutzbeauftragten dem Umweltschutz ein weiteres Gewicht gegeben. Auf die Ergebnisse des aktuell in Auftrag gegebenen Klimaschutzkonzeptes für die Stadt Ludwigshafen dürfen wir gespannt sein.
neue Lu: Werfen Sie doch noch einen Blick zurück: Was war denn Ihres Erachtens eher außergewöhnlich?
Merkel: Das waren Ereignisse, bei denen Bürgerinnen und Bürger durch tolles Engagement und gemeinsame Aktionen für Aufsehen gesorgt haben. In guter Erinnerung ist mir unsere Teilnahme an der Entente Florale. 2002 gewannen wir die Silbermedaille und im Jahr darauf sogar Gold. Und das war nur möglich, weil Bürgerinnen und Bürger, Einzelhändler, Industrie, Vereine und Kleingärtner an einem Strang zogen und mit viel Engagement im gesamten Stadtgebiet für florale Akzente sorgten.
Getoppt wurde diese Aktion dann durch das Engagement, welches letztlich unseren Wildpark rettete. Der Bereich Grünflächen und Friedhöfe erstellte ein Aktionsprogramm, es wurde ein Förderverein gegründet, Bürgerinnen und Bürger übernahmen Tier-Patenschaften, Sponsoren gar ganze Tiergehege, die Besucherzahl stieg binnen kurzer Zeit auf 80.000. Im Rahmen des Projekts „Offensive Bildung“ konnte die BASF dafür gewonnen werden, im Wildpark den Bau des Hauses der Naturpädagogik zu finanzieren.
neue Lu: Inwieweit ist es denn möglich, notwendige Dinge abzuarbeiten und zugleich neue kreative zu entwickeln?
Merkel: Gleich zu Beginn meiner Amtszeit war klar, die Innenstadt muss attraktiver werden. Mit der Anbindung des Berliner Platzes über den Rheinuferpark haben wir der südlichen Innenstadt ein neues Gesicht gegeben: Das Tor zum Rhein wurde aufgestoßen. Durch den Bau des halbrunden Faktorhauses konnte der Berliner Platz zur Hochstraße hin abgeschlossen und optisch aufgewertet werden.
Wir haben vieles verschönert, die Fußgängerzonen "aufgeräumt", die City mit neuen Spielgeräten, Bänken und Leuchten versehen. Ja und dann ergab sich durch den Bau der Rhein-Galerie durch die ECE und die Schaffung eines neuen Stadtplatzes am Rhein die historische Chance, Ludwigshafen zu einer großen linksrheinischen Einkaufsmetropole zu entwickeln und die City vollkommen neu auszurichten. Ich bin überzeugt davon, dass dieser unter dem Motto "Heute für Morgen" stehende Stadtumbau uns einen großen Schritt in der Entwicklung eines attraktiven, urbanen Standortes in der Metropolregion Rhein-Neckar voranbringen wird.
neue Lu: Ab 1. Juni übernehmen Sie als Vorstand die GAG. – Inwieweit überschneiden sich Ihre bisherigen und Ihre neuen Aufgaben?
Merkel: Insbesondere in dem Bereich der städtebaulichen Entwicklung, dem Stadtumbau und der Wohnungsbaupolitik gibt es starke Überschneidungen. Hier haben der leider viel zu früh verstorbene Detlef Tuttlies und ich eine gemeinsame Linie gefahren und Entscheidendes bewegt.
Diese Richtung möchte ich kontinuierlich weiter verfolgen. Unser Ziel bleibt, Familien in Ludwigshafen attraktiven Wohnraum zu ermöglichen. Die GAG bietet hierfür Bauplätze unter anderem in den beiden Neubaugebieten Melm und Neubruch an. Auch die Tatsache, dass Detlef Tuttlies und ich gemeinsam die Geschäfte der Rheinufer Süd Entwicklungsgesellschaft führten, zeigt, wie eng verzahnt viele unserer Aufgaben waren. Dieses rund 30 Hektar große Areal mit dem Projekt "Wohnen am Wasser" zusammen mit der Bebauung auf der Parkinsel weiterzuentwickeln, ist eine der wesentlichen künftigen Herausforderungen für Stadt und GAG.
neue Lu: Worin bestehen Ihre weiteren Herausforderungen als Chef der GAG?
Merkel: Ein Schwerpunkt meiner künftigen Tätigkeit wird sein, gemeinsam mit den rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GAG, den Bestand von über 13.000 Wohnungen instand zu halten, energieeffizient zu modernisieren und Grundrisse neu zu ordnen, um den Ansprüchen heute eher kleinerer Familien oder Singles gerecht zu werden. Zudem müssen neue Immobilien in einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis gebaut werden. Im Mittelpunkt unseres Handelns stehen Mieterinnen und Mieter, Kundinnen und Kunden. So werden auch künftig Mieterfeste organisiert, Hausgemeinschaften gefördert und Nachbarschaftshilfe in den Quartieren angeboten. Ob als Bau- und Umweltdezernent oder als GAG-Vorstand, das Wichtigste ist die umfassende soziale Verantwortung für die Menschen unserer Stadt.