Der Name Markus Sternlieb ist in Ludwigshafen wieder ein Begriff. Am 25. September 2002 ehrte die Stadt den ehemaligen Stadtoberbaudirektor und GAG-Chef mit einem Gedenkstein im Hof der Rheinschule, den Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse einweihte. An der Feier für den 1934 verstorbenen - einst hoch angesehenen - jüdischen Architekten nahmen auch Familienmitglieder aus den Vereinigten Staaten teil.Dass der "Schöpfer" vieler Bauten - teilweise architektonische Kunstwerke - nach fast 70 Jahren gewürdigt wurde, ging auf die Initiative von Friedhelm Borggrefe, evangelischer Dekan i.R. und Ehrenbürger, zurück. Er hatte nicht nur den persönlichen Kontakt zur Familie hergestellt, sondern auch um Spenden für den Stein geworben. Gestiftet wurde der 90 Zentimeter hohe Granitquader vom Oggersheimer Steinmetz Heinz Münch. Gestaltet hat diese "steinerne Erinnerung wider das Vergessen" das Bildhauerehepaar Barbara und Professor Gernot Rumpf. Die Rheinschule, die GAG, der Ebertblock, und die Westendsiedlung sind seitlich in den Stein gemeißelt. Den krönenden Abschluss bildet die Bronzeplastik. Es zeigt die von Sternlieb geliebte Sternwarte, das Architektenwerkzeug und einen siebenarmigen Leuchter, das Symbol für das Judentum.
Wie nachhaltig die "Ära" von Markus Sternlieb die Stadt "baugeschichtlich geprägt hat" verdeutlichte der Technische Vorstand der GAG, Walter Braun, der Familie während einer Rundreise durch die Stadt. Stationen waren unter anderem das ehemalige Wohnhaus der Sternliebs, Lisztstraße 117, die Brucknerstraße im Stadtteil Süd, der "Rote Hof" in der Gartenstadt (Bild rechts), die Westendsiedlung, Ebertpark und Ebertsiedlung.
"Besserung der kulturellen und sozialen Verhältnisse", aber auch Verschönerung und Ausbau beziehungsweise Vervollständigung des Stadtbildes, beides lag Markus Sternlieb am Herzen", erklärte Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse bei der offiziellen Ehrung im Hof der Rheinschule. Sie betonte zudem, dass der Gedenkstein für Markus Sternlieb "hoffentlich vielen jungen Menschen Anstoß sei, über den hervorragenden Beitrag von Menschen jüdischen Glaubens zur Geschichte Deutschlands und unserer Stadt nachzudenken."
Die Geschichte Revue passieren ließen an diesem Tag Schüler. Sie erinnerten an den 22. Oktober 1940, als 183 jüdische Mitbürger in das Konzentrationslager Gurs (Südfrankreich) deportiert wurden, dabei auch die Ehefrau des Stadtoberbaudirektors, Johanna Sternlieb. Die Schüler trugen auch Texte des Widerstandskämpfers Julius Fucik und des Schriftstellers, Friedensnobelpreisträgers und Auschwitz-Überlebenden Eli Wiesel vor. Dekan Borggrefe erinnerte an die zwei kleinen Mädchen Eva und Ruth Sternlieb, die "voller Stolz in die Schule gegangen sind", die von ihrem Vater mitgebaut worden war. An die Schüler gerichtet erklärte er: "Diesen Gedenkstein haben wir euch wie einen Nagel hingestellt, an dem ihr die Geschichte der Stadt aufhängen könnt - und das muss eine menschliche Geschichte werden, in der wir Menschen sind und Menschen bleiben".
Die sichtlich bewegte Familie von Markus Sternlieb dankte den Bürgern von Ludwigshafen. Die Tochter der 91-jährigen Eva Engel, die aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen konnte, Karen Gustafson, sagte "Wir und die nächste Generation sind sehr erfreut über den Gedenkstein". Die OB gab allen mit auf den Weg: "Markus Sternlieb hat die Stadt bereichert - das Andenken daran wollen wir wachhalten, darauf können Sie, verehrte Familie Sternlieb, stolz sein - darauf wollen wir alle stolz sein."
Zur Person
Markus Sternlieb wurde am 20. Februar 1877 im rumänischen Braila geboren. Seine Ausbildung als Architekt absolvierte er in München und Darmstadt. 1905 trat er in Ludwigshafen als "Planrevisor" in die Stadtverwaltung ein. Ab 1911 wurde er Stadtbaumeister und ab 1920 Oberbaudirektor. Bis 1926 war er ferner nebenamtlich Technischer Vorstand der 1920 gegründeten GAG, ab 1926 übte er diese Funktion hauptamtlich aus. 1932 schied Markus Sternlieb aus dem Dienst aus. Im gleichen Jahr noch reiste er nach Palästina, um über die Zuwanderungsmöglichkeiten für Juden zu verhandeln. Kurz nach seiner Rückkehr verstarb er im Oktober 1934. Seine Urne ist auf dem israelitischen Friedhof in Ludwigshafen beigesetzt. tim