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neueLu November/Dezember 2004

Brauchen wir eine Patientenverfügung?

Patientenverfügungen sind derzeit in aller Munde, Veranstaltungen zum Thema häufen sich und das Interesse an umfassenden Informationen ist ungebrochen. Die neue Lu sprach mit Dr. Wolfram Weinrebe, Chefarzt im Krankenhaus „Zum Guten Hirten“ über das Thema.

neue Lu: Warum machen sich immer mehr Menschen in einer Zeit mit einer hohen Lebenserwartung und optimalen medizinischen Versorgung Gedanken um eine Patientenverfügung?

Weinrebe: Da spielt sicher die Angst des oder der Einzelnen vor dem Schrecklichsten aller Fälle eine Rolle. Der Extrem- oder Notfall, den viele Menschen damit in Verbindung bringen ist die künstliche Ernährung, die künstliche Beatmung, der abhängige Vollpflegefall, vielleicht sogar ohne Bewusstsein.

neue Lu: Sind diese Ängste begründet?

Weinrebe: Die Ängste sind verständlich. Die Geschichte hat gezeigt, dass der Herztod umkehrbar ist und dass der Hirntod der definitive Tod ist. Die künstliche Ernährung ist inzwischen Realität an vielen Orten. Nach Lebensqualität wird leider oft erst nach der medizinischen Versorgung gefragt. Die Menschen sind verunsichert. Die Veränderungen im Gesundheitswesen sind rapide. Man weiß nicht, was morgen kommt. Das Vertrauen ist nicht mehr da. Man möchte sich absichern.

neue Lu: Wie sieht es in der Realität aus?

Weinrebe: Als klinisch tätiger Internist und Altersmediziner ist die typische Situation zum Beispiel die: Ein alter oder älterer Mensch hat bisher noch alleine gelebt, war selbständig und stabil in seiner Wohnung. Plötzlich trifft ihn eine schwere Erkrankung oder ein Unfall. Er kommt als Notfall ins Krankenhaus. Vielleicht muss er auf einer Intensivstation versorgt oder operiert werden. Natürlich weiß niemand letztendlich, wie es ausgehen wird und ob alles gut geht. Vielleicht treten Komplikationen auf... Entscheidungen müssen getroffen werden.

neue Lu: Was tun Sie dann?

Weinrebe: Wir suchen den Kontakt zu den besorgten Angehörigen und klären, was der Patient gewünscht hätte, was er zu Lebzeiten gesagt hat.

neue Lu: Zählt das in einer solchen Situation?

Weinrebe: Die mündliche Überlieferung von Willensbekundigung durch Angehörige ist vor dem Gesetz genauso rechtskräftig wie eine schriftliche Patientenverfügung. Eine ausführliche Patientenverfügung wäre natürlich noch optimaler.

neue Lu: Was gehört denn in eine Patientenverfügung?

Weinrebe: Die persönliche Willenserklärung, wie Sie in einem speziellen Falle versorgt werden möchten.

neue Lu: Reicht das dann aus?

Weinrebe: Nein. Wir empfehlen immer die vorsorgliche Benennung eines Menschen, der im Notfall den Willen umsetzen kann – einen Vorsorgebevollmächtigten mit allen entsprechenden Rechten.

neue Lu: Braucht man dazu einen Notar?

Weinrebe: Nein. Der persönliche Wille ist frei und kann ohne Notar schriftlich festgelegt werden. Ein Notar wird dann nötig, wenn Geld- oder Immobiliengeschäfte betroffen sind. Damit hat aber die Patientenverfügung nichts zu tun.

neue Lu: Was empfehlen Sie darüber hinaus?

Weinrebe: Lassen Sie sich beraten. Sprechen Sie intensiv mit allen Angehörigen und Freunden über Ihre Gedanken und Wünsche. Fragen Sie Ihren Hausarzt oder ihre Hausärztin ob sie in der Patientenverfügung eingesetzt werden könnten – dies ist wegen der auftretenden medizinischen Fragen sinnvoll. Tragen Sie einen Ausweis bei sich. Wiederholen Sie Ihre Willenserklärung alle zwei Jahre.

neue Lu: Herr Dr. Weinrebe, was ist Ihre ganz persönliche Meinung?

Weinrebe: Eine persönlich klar formulierte Patientenverfügung mit Benennung eines Vorsorgebevollmächtigten ist eine sehr starke und effektive Möglichkeit sich im Vorfeld zu schützen – als Mensch und Arzt kann ich nur ausdrücklich empfehlen, sich darüber früh und gründlich Gedanken zu machen.

Zur Person:

Seit 1. Januar 2003 ist Dr. Wolfram Weinrebe Chefarzt der Inneren Abteilung des Krankenhauses „Zum Guten Hirten“, einer Abteilung mit 60 Betten und 5 Intensivbetten. Er ist Internist, Altersmediziner und Ärztlicher Psychotherapeut. Das Krankenhaus „Zum Guten Hirten“ entwickelt sich derzeit zu einem modernen Kompetenzzentrum für Altersmedizin, einer speziellen, internistischen Ausrichtung, die dem Bedarf der rasch alternden Bevölkerung Rechnung tragen wird.

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