Über 100 Kinder und Jugendliche aus Ludwigshafen leben in Pflegefamilien. Zwei von ihnen, die 17-jährige Linda und die 18-jährige Miriam, haben mit der neuen Lu darüber gesprochen, wie sie die Aufnahme und den Alltag in ihren neuen Familien erlebt haben und es geschafft haben, auch zu ihren leiblichen Eltern ein gutes Verhältnis aufzubauen.
Linda besucht zuzeit ein Berufskolleg auf dem sie neben ihrem Fachabitur auch den Abschluss als staatlich geprüften Grafikdesignerin machen möchte. Sie hat heute, so sagt sie, ein gesundes Verhältnis zu ihrer Mutter und zu ihren Pflegeeltern aus dem Landkreis, bei denen sie seit sechs Jahren lebt und die zwei eigene Kinder haben. „Mit zehn Jahren kam ich zunächst für ein Jahr ins Kinderheim, weil meine Mutter nicht mehr für mich sorgen konnte. Die Frage, ob ich in einer Pflegefamilie leben soll, haben die Erzieherinnen und Erzieher im Heim intensiv mit mir besprochen. Nachdem ich mehrere Treffen mit meiner neuen Familie hatte und auch zwei Wochen zur Probe dort war, war es dann meine eigene Entscheidung, ja zu sagen”, schildert Linda, für die es sehr wichtig war, in dieser Frage selbst bestimmen zu können. „Wir haben uns auf Anhieb verstanden, das hat den Anfang natürlich erleichtert. Später, in der Pubertät, so mit 13, 14, da kamen mir schon Zweifel. Die Phase ist ohnehin sehr schwierig und ich wollte unbedingt wissen, wo meine Wurzeln sind. In der Zeit habe ich dann auch wieder den Kontakt zu meiner Mutter gesucht, der eine Weile abgerissen war, weil ich mich in einem Loyalitätskonflikt befand. Meine Pflegemutter war sehr verständnisvoll und auch meine Mutter hat akzeptiert, dass es mir in der Pflegefamilie gut geht. Genau das will sie ja auch, dass ich mich wohl fühle”, erzählt Linda. Es sei ein Lernprozess für alle gewesen, für die Mutter, die Pflegeeltern und -geschwister und sie selbst. Konflikte seien immer besprochen worden, teilweise sei als „neutrale Person” eine Sozialarbeiterin dabeigewesen. „Natürlich habe ich versucht, meine Grenzen auszutesten. Gelernt habe ich ein: Wenn alle wollen, kann man es gemeinsam schaffen. Und aus meiner Sicht kann ich sagen, es hat sich gelohnt, dass wir uns miteinander und unseren jeweiligen Problemen auseinandergesetzt haben. Heute weiß ich, warum ich nicht bei meiner Mutter leben. Und ich habe gelernt, dass man Konflikte austragen sollte, bevor sie eskalieren. Es lohnt sich und ich habe meine Entscheidung nie bereut”, zieht Linda Bilanz.
Miriam war zehn Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrem älteren Bruder in ihre Pflegefamilie kam. Vorher war sie insgesamt sechs Jahre im Kinderheim, dort hatten die Geschwister ihren späteren Pflegevater kennen gelernt, der im Heim arbeitet. „Wir haben uns so sehr gewünscht, in die Familie zu kommen, dass wir es gar nicht abwarten konnten. Weil ich im Heim in einer eher strengen Gruppe war, hatte ich keine Probleme damit, die Regeln im Familienverband anzuerkennen. Zu meinen leiblichen Eltern hatte ich damals kaum Kontakt, die Frage, ob ich zu meiner Mutter zurückgehen wollte, spielte keine Rolle”, schildert Miriam. Im Laufe der Zeit habe sie mit Hilfe ihrer Pflegeeltern regelmäßigen Kontakt zu ihrer Mutter bekommen, ihren Vater sieht sie selten. „Ich habe kein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Eltern, es ist eher eine Art Trauer, dass meine Familie nicht funktioniert hat. Als mein Bruder nach einem Jahr zu unserer Mutter zurückgegangen ist, bin ich bei meiner Pflegefamilie geblieben. Ich wusste, zu Hause würde es nicht klappen. Ich hatte Angst, in der Schule zu versagen und meine Ausbildungsmöglichkeiten zu verlieren. Am Anfang haben mich meine Mutter und meine Geschwister spüren lassen, dass ich ausgeschlossen war. Heute kann ich damit umgehen und habe gelernt mich abzugrenzen”, erzählt Miriam von einer schwierigen Phase. Auch in der Pflegefamilie lief für sie zu dieser Zeit nicht alles rund: „Ich spürte, dass es trotz aller Bemühungen doch einen Unterschied zwischen mir als Pflegekind und den leiblichen Kindern meiner Pflegeeltern gibt.” Ihre Pflegeeltern haben zwei eigene Kinder, heute zehn und sechs Jahre alt. „Bei der Geburt der Kleinen durfte ich dabei sein. Das war so ein toller Vertrauensbeweis, der hat viele Probleme einfach wett gemacht. Damals war ich zwölf und mir wurde klar, dass ich manche Dinge nicht verändern kann und einfach das Beste aus allem machen muss. Von da an lief es gut”, sagt die 18-Jährige. „Zu einer Familie gehören bedeutet gemeinsam Leben in guten und in schlechten Zeiten. Anders als im Heim, mit wechselnden Bezugspersonen, kann man Menschen und Konflikten nicht ausweichen. Man muss versuchen, konstruktiv damit umzugehen. Dafür ist es schön, die Zusammengehörigkeit in einer Familie zu spüren. Ich habe es richtig gemacht, als ich mich für meine Pflegefamilie entschieden habe” so Miriam. Aus dieser Erkenntnis könne sie Kraft schöpfen für ihre weiteren Ziele. Derzeit macht Miriam eine Ausbildung als Erzieherin. Ihr Traumberuf ist Polizistin. „Das kann ich nur werden, wenn ich entweder Abitur oder eine Ausbildung habe. Und was ich jetzt als Erzieherin lerne, könnte ich auch als Polizistin im Umgang mit Menschen gut einsetzen. Ich glaube, ich kann Menschen in schwierigen Situationen gut verstehen und ihnen helfen”, schätzt Miriam sich ein. Die 18-Jährige lebt seit ein paar Monaten in einer eigenen Wohnung im Landkreis. Zukünftigen Pflegeeltern möchte sie sagen: „Sie dürfen nicht die Vorstellung haben, ein eigenes Kind zu bekommen. Für mich war es sehr wichtig, zu verstehen, warum meine Familie nicht funktioniert hat, damit ich in meiner Pflegefamilie glücklich werden konnte.” mü
Informationen über den Pflegekinderdienst der Stadt gibt es unter der Telefonnummer 504-3985. Derzeit werden inbesondere Familien gesucht, die ältere Kinder und Jugendliche aufnehmen können.