Mit dem Schauspiel "Pessach" präsentiert Hansgünther Heyme nach Übernahme seiner Funktion als Intendant des Theaters im Pfalzbau seine erste Inszenierung in Ludwigshafen. In dem in Italien bereits preisgekrönten Stück von Laura Forti, von Ingeborg Kanz ins Deutsche übersetzt, demaskiert sich die schöne heile Schein-Welt einer jüdischen Familie. Ausgangspunkt ist das traditionelle Pessachfest. Als die Mutter mit ihren beiden Töchtern und dem Sohn das Osterfest feiert, zeigt sich exemplarisch die Zersetzung von Werten, Kultur und Tradition der gegenwärtigen Zeit. Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung ist am 19. April, 19.30 Uhr. Einen Blick hinter die Kulissen warf vorab neue Lu-Redakteurin Dagmar Timpe-Kühl mit dem Intendanten Hansgünther Heyme.
neue Lu: Warum haben Sie gerade "Pessach" für Ihre erste Inszenierung in Ludwigshafen gewählt?
Heyme: Erstens, weil dies ein wichtiges Thema und ein gutes Stück ist und wir uns mit Autoren beschäftigen müssen, die heute leben. Außerdem sprengt es nicht den Budget-Rahmen und konnte noch gut in den schon vorhandenen festgefügten Spielplan aufgenommen werden. Die Sparkasse Vorderpfalz hat uns übrigens finanziell sehr geholfen.
neue Lu: War der nationale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, vor 60 Jahren wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz - Birkenau von sowjetischen Truppen befreit, ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?
Heyme: Natürlich hat das damit schon etwas zu tun. Aber das Stück ist nicht speziell zu diesem Anlass gesucht worden, nein, grundsätzlich geht es um die Auflösung von Traditionen. Es handelt davon, dass sich eine Familie in relativer Auflösung befindet, dass die Bande, die eine Familie zur Familie machen, keinen Halt mehr an einer gemeinsamen Vergangenheit und Tradition haben und damit die Kraft abhanden gekommen ist, mit der Zukunft umzugehen. Es steht auch stellvertretend für Minderheiten, türkische, muslimische oder andersgläubige und auch die Schwierigkeiten der Deutschen mit selbigen umzugehen.
neue Lu: Ist der Werteverfall so gravierend?
Heyme: Es sind nicht nur Werte, sondern Kategorien, die unserem Leben Sicherheit geben, wie ein Netz. Es ist wichtig, zu wissen, woher ich komme, was erlitten wurde, und auch, welchen Verletzungen meine Eltern aus-
gesetzt waren. Wenn ich nicht weiß, nehmen wir mal Auschwitz, was meinem Volk passiert ist, eine Familie ihre Vergangenheit ausklammert, dann hat sie auch keine Möglichkeit, ein eigenes Selbstverständnis aufzubauen. Werte sind natürlich auch, es als wertvoll zu erachten, mit dem Anderen menschlich umzugehen.
neue Lu: Woran dokumentiert sich in dem Stück der Werteverfall?
Heyme: In dem Stück gibt es vier Rollen. Die Mutter (Elke Petri), zwei Töchter, die eine ist Polizistin (Brigitte Horn), die andere Schriftstellerin (Evelyne Cannard), und der Sohn eine Art von Banker (Martin Lindow). Alles wird sehr subtil behandelt, wie beispielsweise die Unsinnlichkeit, die Unerotik, die rein auf Sexualität bezogene Beziehung. Ein zentraler Konflikt ist, dass eine Mutter ihren 16-jährigen Sohn verliert, überhaupt kein Verhältnis mehr zu ihm hat. Er driftet ab, nimmt Drogen. Selbst in einer Notsituation will der Sohn mit der Mutter nichts mehr zu tun haben. Im Vordergrund steht: die Mutter lebt mit Fotos in der Vergangenheit, die Kinder hingegen entwickeln gegenüber dieser Sentimentalität und Rührseligkeit einen Widerwillen, sagen, man muss doch endlich mal darüber hinwegkommen.
neue Lu: Und wie sehen Sie das?
Heyme: Wichtig ist in dem Heute zu leben, mit dem Wissen um das Gestern.
neue Lu: Woran macht sich auch noch die Qualität des Stückes fest?
Heyme: Es ist gut, weil die Gegenwartsautorin Laura Forti, eine gelernte Schauspielerin, etwas von der Bühne, vom Timing versteht. Sie hat ein Gefühl für Musikalität, für Längen, Dehnungen und Raffungen. Das Stück ist nicht grau in grau in der Aussage, prasselt nicht in all seinem Schmutz auf das Publikum nieder, sondern ist sehr traurig und auch ungeheuer heiter. Außerdem sind tolle ausdrucksstarke Schauspieler dabei.
neue Lu: Warum gerade in Ludwigshafen?
Heyme: Weil man hier auf ein Publikum in seiner Unvoreingenommenheit zugehen kann. Es wird aufgefordert, sich mit seiner Seele zu beschäftigen.
neue Lu: Wird es auch noch woanders gespielt?
Heyme: Vor zwei Monaten gab es eine äußerst erfolgreiche Aufführung in Paris. Die deutschsprachige Erstaufführung findet in Kooperation mit Luxemburg, Kaiserslautern und Trier in Ludwigshafen statt. Die Premiere ist am 19. April. Vorher gibt es vier Voraufführungen in Luxemburg und danach wird es in Kaiserslautern und Trier zu sehen sein.
Termine von "Pessach", einer Kooperation des Ludwigshafener Theaters im Pfalzbau mit Théâtre National du Luxembourg, Pfalztheater Kaiserslautern, Theater der Stadt Trier: 19.(Premiere) und 21. April, 6., 7., und 8. Mai, jeweils 19.30 Uhr. Karten und weitere Informationen: Theater im Pfalzbau, Berliner Straße 30, Telefon 504-2551 oder im Internet unter www.theater-im-pfalzbau.de.