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neueLu März/April 2005

In einer Nacht alles verloren

"Wir wohnten in der Moltkestraße in der Stadtmitte, in der Nähe der damaligen Aktienbrauerei. 1943 waren meine drei Kinder zwei, vier und sechs Jahre alt. Zuerst flüchteten wir uns bei Fliegeralarm in die Kellerräume, die durch einen Durchbruch jeweils mit dem Nachbarhaus verbunden waren. Das sollte uns die Flucht aus dem Keller ermöglichen, selbst wenn das eigene Haus von einer Bombe getroffen worden war", schildert die gebürtige Ludwigshafenerin im Gespräch mit der neuen Lu.

Nach einem Bombentreffer in der Nähe ihrer Wohnung habe sie dann aber mit ihren Kindern im Tiefbunker unter dem alten Pfalzbau Schutz gesucht, sobald Fliegeralarm gegeben wurde. "Dann strömten wahre Menschenmassen in den Bunker, ich wurde mit meinen Kindern - das kleinste saß noch im Kinderwagen - regelrecht mitgerissen. Hunderte Menschen suchten Zuflucht in dem Schutzraum. Es herrschte eine qualvolle Enge. Zum Glück hatte ich ein Plätzchen, das mir zugewiesen wurde und an dem ich zum Beispiel Decken für die Kinder liegen lassen konnte", so Hilde Waidele. Ständige Angst und Unruhe hätten den Alltag bestimmt. Immer wieder habe es Bombenabwürfe auch ohne vorherigen Luftalarm gegeben oder seien Angriffe auch tagsüber erfolgt. Dazu kamen die täglichen Nöte um die Versorgung mit Nahrungsmitteln.

"Die Essensausgabe im Bunker hat uns über die Zeit gerettet. Doch das Unvorstellbare stand uns ja erst noch bevor", so erinnert sich Hilde Waidele an den Großangriff in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1943, der die gesamte Innenstadt in Schutt und Asche legte. In dieser Nacht starben 127 Menschen, 568 wurden verletzt, 55.000 Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafener wurden obdachlos. "Man hatte das Gefühl, Bomben und Granaten fallen von allen Seiten, der Bunker erbebte, als würde er dauernd direkt getroffen, die Menschen schrien vor Angst, die Kinder waren gar nicht zu beruhigen, es war eine ganz furchtbare Nacht. Wir hatten alle schreckliche Angst," merkt man Hilde Waidele an, wie ihr die Erinnerungen noch heute zu schaffen machen: "Morgens haben wir uns gar nicht getraut, den Bunker zu verlassen und nachzusehen, was von der Stadt, von unseren Wohnungen noch geblieben war. Ringsum wütete noch das Feuer, wir konnten gar nicht hinaus." Gemeinsam mit einem Nachbarn traute sie sich im Lauf des Tages doch nach oben, um sehen zu müssen, dass Ludwigshafen zu einer Trümmerstadt geworden war. Auch die Wohnung der Waideles war vollkommen zerstört.

"In dieser Nacht haben wir alles verloren, Möbel, Hausrat, Kleider und persönliche Erinnerungen, darunter auch meine Hochzeitsbilder. Nur einige wenige Dinge konnte mein Mann Tage später aus dem Keller bergen", erzählt Hilde Waidele. Ihr Mann, der in Idar-Oberstein stationiert war, besorgte ihr und den Kindern anschließend Reisepapiere und brachte seine Familie zu seinen Eltern in den Schwarzwald. Bis zur Abreise blieb Hilde Waidele mit ihren Kindern im Bunker. "Wohin hätten wir gehen sollen? Es war ja alles kaputt!" Im Schwarzwald gab es zwar auch Fliegerangriffe, aber längst nicht so schlimm, wie Hilde Waidele sie in Ludwigshafen erlebt hatte. "Wir sind erst 1952 zurückgekommen - in eine noch immer vom Krieg gezeichnete Stadt. Seit damals hoffe ich, dass wir nie mehr einen Krieg erleben müssen und weiterhin mit allen in Frieden leben können", wünscht sich die Seniorin.

Von rund 144.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die im Jahr 1939 gezählt wurden, blieben nur rund 55.000 bis zum Kriegsende in der Stadt. Zwei Drittel der Innenstadt waren zerstört. Auch in den Stadtteilen waren immense Schäden entstanden. Der Wiederaufbau der Stadt sollte Jahrzehnte dauern. Der Turm der Lutherkirche, die während der Bombennacht im September 1943 zerstört wurde, erinnert heute als Mahnmal an die Opfer des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Im Mai reist Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse in die französische Partnerstadt Lorient, um dort an den Gedenkveranstaltungen zum Kriegsende teilzunehmen. "Beide Städte haben schwer unter dem Krieg gelitten und für beide Städte bedeutet das Kriegsende einen Tag der Befreiung. Wir leben seit 60 Jahren in Frieden mit unseren Nachbarn; aus den Kriegsgegnern von damals sind längst Freunde geworden. Dass das gelingen konnte, liegt auch daran, dass wir uns auf unsere gemeinsamen Grundwerte, auf Freiheit, Demokratie und die Würde des Menschen besonnen haben. Diese Werte müssen wir gemeinsam bewahren und verteidigen", so die OB.

In Ludwigshafen erinnert eine offizielle Gedenkveranstaltung am 27. April an den Beginn des demokratischen Wiederaufbaus. 

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