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Steine, die in metallene Brunnen fallen, Wasser, das vom Wind gekräuselt wird, Spaten, die aus Fernsehbildschirmen herausragen: Scheinbare Realität und doch nur Illusion, erzeugt mit Wasser, Metall, Videorekordern, Wind, Licht, Holz und Stoffen. Erschaffen hat diese Welt der "Digital Islands 1970 – 1990" der italienische Künstler Fabrizio Plessi. Im Wilhelm-Hack-Museum ist die umfassende Schau der Werke Plessis zu sehen und zwar um vier Wochen verlängert bis 25. März 2007. Mit der neuen Lu sprach Plessi über die Ausstellung und sein künstlerisches Werk.

neue Lu: Sie sind bildender Künstler, arbeiten aber auch immer wieder als Bühnen- und Kostümbildner wie zum Beispiel in Ludwigshafen bei der Aufführung von "Romeo and Juliet" des Aterballetto Reggio Emilia im Oktober 2006. Wie ist die Idee entstanden, im Wilhelm-Hack-Museum eine Ausstellung Ihrer Werke zu zeigen? Plessi: Zunächst war ich im November 2005 in Ludwigshafen, um über das Gastspiel des Aterballetto bei den II. Festspielen zu sprechen. Dabei habe ich Dr. Gassen getroffen, der mich ins Museum eingeladen hat. Wir haben uns das Haus und seine Architektur gemeinsam angeschaut. Das Haus ist wie geschaffen für eine Ausstellung meiner Installationen. Wir haben dann überlegt, ob es im Museum eine Ausstellung in Zusammenhang mit "Romeo and Juliet" geben sollte, wir zum Beispiel Elemente des Bühnenbildes im Museum zeigen sollten. Wir haben uns dafür entschieden, die beiden Dinge zu trennen. So entstand die Idee, meine frühen Werke aus den 70er Jahren zu präsentieren, die sich alle mit dem Leitmotiv meiner Arbeiten, dem Wasser, beschäftigen. Das Außergewöhnliche daran ist, dass diese Kunstwerke erstmals in einer Ausstellung gemeinsam zu sehen sind und teilweise extra für Ludwigshafen erstmals realisiert wurden.

neue Lu: Die Nähe zwischen der Ausstellung und dem Bühnenbild zu "Romeo and Juliet" wird aber dennoch sichtbar. Plessi: Natürlich gibt es Verbindungen zu "Romeo and Juliet", zu meiner Arbeit im Theater. Die Elemente Wind und Wasser spielen hier wie da die zentrale Rolle, zum Beispiel im Bühnenbild, das überdimensionale Ventilatoren zeigt oder in der Installation "Water Wind", im Hack-Museum. Das gilt auch für das rote Wasser, das im Museum im "Armadio Rosso" zu sehen ist und das die Ausstattung von "Romeo and Juliet" dominiert. Das Schlussbild prägt ein großer roter Wasserfall. Es gibt also tiefe Analogien in beiden Arbeiten. In der heutigen Zeit ist es wichtig, solche Synergien zu nutzen. Maßgeblich unterstützt hat mich bei der Realisierung der Ausstellung vor allem Dr. Richard Gassen, der Direktor des Museums. Auch Theaterintendant Hansgünther Heyme war maßgeblich an meinem Erfolg in Ludwigshafen beteiligt.
neue Lu: Welche Bedeutung messen Sie der Ausstellung in Ludwigshafen bei? Plessi: Die 70er Jahre waren entscheidend für mein künstlerisches Schaffen. Kein anderer Künstler hatte sich zu dieser Zeit mit den Medien beschäftigt und sie erforscht. Dies gilt vor allem für die neuen Medien, die ja noch ganz am Anfang standen. Niemand hat sich damals vorstellen können, wie sich diese Medien entwickeln würden. Damals sind über 6.000 Projekte entstanden, die teilweise umgesetzt, teilweise aber noch als Zeichnungen in meinem Archiv liegen. Diese große Zahl zeigt die besondere Intensität, mit der ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt habe. Dadurch hat meine Arbeit auch anderen Künstlern Impulse gegeben, ja man kann sagen, sie zählt zur Avantgarde dieser Kunstrichtung. Die Ludwigshafener Schau zeigt also 20 Werke, die sich auf diese frühe Schaffensperiode beziehen und so noch nie zu sehen waren. Es sind Werke, die wegweisend waren und von daher hat diese Ausstellung auch eine große internationale Bedeutung.

neue Lu: Gibt es eine Installation, die Sie persönlich bevorzugen? Plessi: Alle meine Werke sind wie Kinder, ich liebe sie alle gleichermaßen und hänge sehr an ihnen. Deswegen gibt es kein Werk, das ich bevorzuge. Sie sind ganz unterschiedlich und jedes ist auf seine Art etwas ganz Einzigartiges. Ich habe kein Lieblingswerk. Am symbolischsten ist vielleicht "Mare Orizzontale" aus dem Jahr 1976, weil es ein Werk ist, das von allen Betrachtern verstanden werden kann. Und doch ist es einmalig, weil nicht jeder, der seinen Fernseher auf den Kopf stellt, auch das Bild darin umdrehen kann. Das ist eben Plessi.
neue Lu: Hat die Ausstellung in Ludwigshafen für Sie eine persönliche Bedeutung? Plessi: Diese Schau ist mit einer Dauer von fünf Monaten eine der längsten Ausstellungen meiner Werke. Nur im Martin-Gropius-Bau in Berlin im Jahr 2004 waren meine Installationen länger zu sehen. Damals kamen in sechs Monaten 260.000 Menschen. Das war ein sensationeller Erfolg. Deswegen ist diese Ausstellung in Ludwigshafen für mich so wertvoll.
neue Lu: Sie reisen sehr viel, zahlreiche ihrer Werke sind aus Eindrücken entstanden, die Sie auf diesen Reisen gewonnen haben. Wodurch lassen Sie sich inspirieren, wenn Sie unterwegs sind? Welche Rolle spielen die Menschen in Ihrer Kunst? Plessi: Ich bin wirklich ein großer Reisender. In meiner Arbeit spiegelt sich das ab den 80er und 90er Jahren wider: Von da an tragen viele meiner Installationen Städtenamen. Ich wollte ausdrücklich weg von evokativen Titeln hin zu evokativen Städtenamen. Eines der Beispiele ist Bronx, aus dem Jahr 1985, gezeigt auf der 42. Biennale in Venedig im darauf folgenden Jahr. Auch die drei in Ludwigshafen gezeigten "Armadio" gehen auf Werke zurück, die nach Orten benannt sind. "Armadio Bianco" steht für Bombay, "Armadio Rosso" für die marrokanische Stadt Fez und "Armadio Nero" für die Insel Lanzarote. Roma, 1987 anlässlich der Documenta in Kassel entstanden, ist sicher meine bekannteste Installation. Inspirieren lasse ich mich von der Architektur, dem Licht, der Materie und dem Ambiente, das mir auf meinen Reisen begegnet. Ich schaffe keine Abbilder von Menschen. Gleichwohl sind meine Werke natürlich für die Menschen gemacht. Deswegen liebe ich so außerordentlich die Arbeit mit dem Ballett, dem Tanz. Meine Bühnenbilder, die Choreografie soll die Tänzer unterstützen, nicht die Bilder des Tanzes überdecken. Ich liebe den Tanz auch deswegen so sehr, weil ich leider selbst mein künstlerisches Anliegen nicht mit meinem Körper ausdrücken kann. Bewegte Körper vor einem digitalen Bild, wie sie in "Romeo and Juliet" zu sehen sind, das ist in meinen Augen die perfekte Fusion von Bild und Tanz.

neue Lu: Welchen Stellenwert hat die Kunst in unserer heutigen Gesellschaft? Plessi: Künstler sind große, eigenartige Tiere mit riesigen Fühlern. Sie sind Seismografen ihrer Zeit, nehmen Schwingungen auf und setzen sie in ihrer Arbeit um. Manchmal geht das gut und manchmal nicht. Meine großen Werke sind in den 70er Jahren entstanden. Hätte ich diese Werke heute entworfen, wären sie in unserer globalen Welt schnell verbreitet worden. So aber musste ich warten, bis die Menschen meine Kunst verstanden haben. Künstler sind gleichzeitig eine Art Politiker, sind Menschen, die wissen müssen, wie sie auf das reagieren, was im Lauf der Zeit passiert. Ich bin niemand, der gegen die Katastrophen unserer Welt Alka Selzer oder Aspirin verschreibt. Ich male keine Bilder von schönen Sonnenuntergängen. Mein Schaffen ist vielmehr ein Schrei nach Aufmerksamkeit für mein großes Anliegen: für die Humanisierung der Technik. Wir müssen die Technik kennen und lieben lernen. Wir müssen sie beherrschen lernen, sonst beherrscht die Technik den Menschen. Mü
Infos und Service
Öffentliche Führungen Mittwoch 15 Uhr, Freitag, 18.30 Uhr, Sonntag 11 und 16 Uhr.
Öffnungszeiten Das Museum ist dienstags von 12 bis 18 Uhr, mittwochs, donnerstags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr und freitags von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Montags ist das Museum geschlossen.
Eintritt Der Eintritt kostet 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Für Führungen werden zusätzlich 2 Euro fällig. Gruppen ab 20 Personen zahlen pro Person 5 Euro. Die Familienkarte kostet 15 Euro. Schulklassen zahlen pro Schüler 1,50 Euro. Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt.
Katalog Zur Ausstellung ist im Kehrer-Verlag ein umfangreicher Katalog erschienen. Er ist an der Museumskasse zum Preis von 22 Euro erhältlich.
Videoworkshops für Kinder „Plitsch Platsch – wir hören und sehen Wasser“, Videoworkshops für Kinder unter der Leitung von Karin Nehring, 13. und 27. Januar, 10. Februar, jeweils von 13 bis15 Uhr, Gebühr je Workshop 5 Euro (inkl. Eintritt), Teilnehmen können Kinder ab 7 Jahren, maximale Teilnehmeranzahl 12 Personen, Anmeldung unter Telefon 504-3403 oder -3045.
Plessi - „Ein Wanderer zwischen den Welten" Vortrag von Pia Schmidt, Freitag, 12. Januar, 19 Uhr.
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