"Der Bürgerschaft Streben/ der Arbeiter Leben/ die helfen ihm zum Gedeihn/ Drum voller Vertrauen/ die Zukunft beschauen/ kann Ludwigshafen am Rhein": Mit solchem Optimismus betrachteten die führenden Kreise der jungen Industriestadt an der Wende zum 20. Jahrhundert die Zukunft. Ludwigshafen im Jahr 1900 – das war eine kaum fünfzig Jahre alte Neugründung, eine von nur drei gelungenen im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Dynamisch, modern, expandierend, aber auch mit unübersehbaren urbanen und sozialen Problemen. Eine "gewerbefleißige" Stadt, der aber noch vieles "städtische" fehlte, die noch nicht alle "Eierschalen" abgeworfen hatte, in der viel Geld verdient wurde, das aber höchst ungleich verteilt war. Ein Mischbrot war für 14 Pfennig, eine Damenfrisur für eine Mark zu haben – doch ein Hilfsarbeiter verdiente nur 75 Mark im Monat.
Professor Wolfgang von Hippel, der sich als Lehrstuhlinhaber an der Universität Mannheim über Jahrzehnte mit Ludwigshafens Entwicklung intensiv beschäftigt hat, vermittelt anhand zeitgenössischer Quellen, Dokumenten und Abbildungen ein lebhaftes Bild von Stadtbild, Wohnen, Gesundheit, Ernährung, Löhnen, Preisen, Wirtschaft, Verkehr und Kommunikation, Politik, Gesellschaft, Bildung, Religion, Festen und Vereinsleben im jungen Ludwigshafen. Da gibt es viel zu entdecken: So fremd der modernen Leserschaft die "Feier des Sedanstags" zur Erinnerung an den deutschen Sieg über Frankreich 1870/71, Ratschläge zur Behandlung der "Dienstboten" oder Wohnungselend als Massenphänomen berühren, so vertraut scheinen ihr "Nachrichten aus China", die Forderung nach besserer Anbindung des Hauptbahnhofs, plakative Schlagzeilen über Gewaltverbrechen, ein "Ärztlicher Streikverein" gegen die Krankenkassen, die überragende Bedeutung der BASF oder der Wunsch, der Stadtrat möge nicht nur eine "Jasagemaschine" gegenüber der Verwaltung sein.
"Ludwigshafen um 1900: Eine Industriestadt vor 100 Jahren ist ein ungewöhnliches Porträt einer Stadt, ein Werk, das in seiner Konzeption in Deutschland nahezu einmalig ist", so Kulturdezernentin Prof. Dr. Cornelia Reifenberg, die bei der Buchpräsentation ebenfalls dabei sein wird.
Durch die Unmittelbarkeit der zeitgenössischen Quellen, Zeitungsannoncen und Fotos wird für die Leserinnen und Leser der Alltag in der damals viertgrößten Stadt des Königreichs Bayern wieder lebendig. Dazu treten einführende, gut lesbare und wohlfundierte Texte, mit denen Wolfgang von Hippel das Verständnis erleichtert.
Die beiden Bände der Darstellung mit zusammen etwa 1.000 Seiten, etwa 200 meist ganzseitigen Abbildungen und einem Register sind für 45 Euro im Stadtarchiv und dem Buchhandel erhältlich. mörz