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neueLu März/April 2009

"Eine echte Schule des Sehens"

Wilhelm-Hack-Museum schickt Besucher auf Entdeckungsreise

Fast eineinhalb Jahre sind ins Land gezogen, seit Dr. Reinhard Spieler die Leitung des Wilhelm-Hack-Museums übernahm. Nach einer umfassenden Sanierung des Hauses – es war in dieser Zeit komplett geschlossen – wird die Kultureinrichtung am 6. März  mit der Ausstellung "alles." wiedereröffnet. Was in dieser Zeit dennoch bewegt wurde und wie die Zukunft des "renommierten Kunsthauses" sich darstellt, das offenbarte der Direktor der neuen Lu.

neue Lu: Herr Dr. Spieler, das Wilhelm-Hack-Museum war 17 Monate aufgrund der Sanierung geschlossen. Was empfindet ein Museumsleiter nach so einer Pause. Sind Sie erleichtert?
Dr. Spieler: Eigentlich weniger Erleichterung, vielmehr freudige Spannung! Natürlich sind wir alle sehr gespannt und freuen uns auf das neu eingerichtete Haus - zum einen auf die Kunstwerke, zum anderen aber auch auf die Besucher, die Freude an den Werken in unserem Haus haben werden. Nach so langer Planungsphase, in der die Szenarien alle nur im Kopf existieren, ist es immer ein toller Moment, wenn die Ideen plötzlich materielle Wirklichkeit werden.

neue Lu: Viele werden sich fragen, welche Aufgaben in dieser Zeit zu bewältigen waren. Was passierte denn so hinter den Kulissen?

Dr. Reinhard Spieler

Dr. Spieler: Zunächst einmal ist ein Bauprojekt, in dem etwa 4,6 Millionen Euro investiert werden, schon eine sehr komplexe, zeit- und planungsintensive Angelegenheit. Nur wer schon einmal ein solches Projekt hinter sich hat, kann nachvollziehen, wie viele Entscheidungen da getroffen werden müssen. Und meist sind es Entscheidungen, die man nicht einfach im Moment aus dem Bauch heraus treffen kann, sondern in die man sich erst einmal hineinarbeiten und sich sachkundig machen muss. Das gilt umso mehr für ein Projekt, in dem auch noch zwischen mehreren Parteien – Stadt, LUWOGE consult (einer Tochtergesellschaft der BASF) als Projektleiterin und TWL als Generalunternehmerin – eine nicht immer einfache Koordinations- und Abstimmungsarbeit zu leisten ist. Im November haben wir zusätzlich eine Ausstellung mit großformatigen Foto-Arbeiten von Jörg Heieck in der Baustelle eröffnet. Zum anderen haben wir parallel zu den Bauarbeiten das gesamte Jahresprogramm 2009 vorbereitet, denn wenn es losgeht, muss natürlich das gesamte Programm schon stehen. Die erste Wechselausstellung mit Anton Henning samt Katalog ist fast schon fertig, die Vorbereitungen für die Surrealismus-Ausstellung im Herbst laufen auf Hochtouren. Die Auslagerung und jetzt der Rücktransport der Werke ist ebenfalls ein logistisches Großunternehmen, ganz zu schweigen von der Planung dafür, knapp 10.000 Werke für unsere Wiedereröffnungspräsentation "alles." an die Wand zu bringen…
Wir haben eine neue Internetseite und ein neues Erscheinungsbild für unsere gesamte Kommunikation auf den Weg gebracht, und ganz nebenbei renovieren wir auch die Rudolf-Scharpf-Galerie, die ein neues Parkett und eine neue Beleuchtung bekommt.  Am 13. Februar ist Wiedereröffnung, und auch dort haben wir das ganze Jahresprogramm vorbereitet. Ideen für einen weiteren Projektraum sind schon in der Pipeline. Insofern waren wir schon recht gut ausgelastet…

neue Lu: Mit Ihnen zog auch ein neues Team in das Haus ein. Wie sind die Funktionen aufgeteilt? Wer ist für was verantwortlich?
Dr. Spieler: Wir haben mit Dr. Alexander Eiling einen neuen Kurator bekommen, der in erster Linie für die Sammlung verantwortlich ist. Dr. Judith Weiss, die ebenfalls neu zu uns gestoßen ist, kümmert sich neben ihren kuratorischen Aufgaben um Fundraising und Marketing, Theresia Kiefer, die schon seit vielen Jahren im Hause arbeitet, um Presse- und Vermittlungsarbeit. Alle drei Kuratoren arbeiten selbstverständlich auch an den Wechselausstellungen im WHM und in der Rudolf-Scharpf-Galerie mit.

neue Lu: Ihre erste Ausstellung ist eine ganz ungewöhnliche. Zum ersten Mal werden alle Kunstschätze des Museums zu sehen sein. Und das sind ja schon einige Tausend. Braucht da ein Besucher nicht viele Stunden, um das Gesehene nicht nur oberflächlich wahr- sondern auch in sich aufzunehmen?
Dr. Spieler: Nun, kein Mensch kann sich 9.236 Werke – so viele wollen wir zeigen! – in aller Ausführlichkeit anschauen. Darum geht es uns aber auch gar nicht.
Wir wollen einen Eindruck vom Umfang und Zustand unserer Sammlung vermitteln und die Besucherinnen und Besucher auf eine Entdeckungsreise schicken. Das heißt ja nicht, dass man sich alle Bilder anschauen muss. Ein Besuch dieser Ausstellung ist eine echte Schule des Sehens: Welche Bilder aus dieser Flut fallen mir wirklich auf? Welche finde ich besonders? Erkenne ich, dass bestimmte Bilder, die an ganz verschiedenen Stellen hängen, vom gleichen Maler stammen? Was würde ich auswählen, wenn ich selbst verantwortlich für die Hängung wäre?
Hier geht es nicht um Namen und vorgefertigte Kunstgeschichte – jeder ist aufgefordert, sich selbst auf die reine Anschauung der Bilder zu konzentrieren.

neue Lu: Was sind die Highlights, die man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte?
Dr. Spieler: Also ich persönlich finde das neue Entrée wirklich ein Erlebnis! Anton Henning, mit dem wir ab Mai in Kooperation mit der Kunsthalle Mannheim eine große Ausstellung machen, hat uns eine großartige, riesige Arbeit von 3,50 mal 10,70 Metern geschenkt. Diese bunte, unerhört lebendige und dynamische Arbeit korrespondiert wunderbar mit einer sehr strengen konstruktivistischen Wandarbeit und zwei dazu passenden Sitzmodulen der japanischen Künstlerin Yuko Shiraishi. In dieser Kombination ist das Museumsentrée nun ein echtes Gesamtkunstwerk! Sehr gelungen finde ich auch die große, neu eingebaute Rückwand des Museums, die eine wahrhaft riesige Hängefläche von rund 20 mal 18 Metern bietet. Diese Wand, dicht auf dicht gehängt, ist sicherlich auch ein Eindruck, den man nicht so schnell vergisst!

neue Lu: Wie möchten Sie den Nachwuchs für Kunst begeistern?
Dr. Spieler: Wir haben die Zusammenarbeit mit den Schulen intensiviert, der Eintritt für Schüler ist künftig frei. Dazu bieten wir spezielle Vermittlungsprogramme und –formate an, etwa "Kinder führen Kinder", den "hackerclub" und anderes mehr. Auch die Arbeit in der Malschule, die ja schon eine lange Tradition hat, wird intensiviert. Ausstellungen wie "Anton Henning" oder "Gegen jede Vernunft" sollten auch für Kinder viel Spannendes bereithalten.

neue Lu: Welche künstlerischen Nutzen ziehen Sie aus der Sanierung des Hauses?
Dr. Spieler: Zunächst einmal sind nun die konservatorischen Voraussetzungen gegeben, dass wir unsere Sammlung adäquat ausstellen und alle Bedingungen für Leihgaben bei Wechselausstellungen erfüllen können.
Aber natürlich können wir die Werke nun auch viel besser zur Geltung bringen: Wir haben eine ganz neue Beleuchtung, die sehr viel ausmacht; im Sammlungsbereich wertet ein edles Parkett aus dunkler Räuchereiche das Ambiente enorm auf und schließlich trägt auch eine neue Raumstruktur zu deutlich mehr Klarheit, Ruhe, Konzentration und Großzügigkeit bei. Ein solches Ambiente ist attraktiv – nicht nur für die Besucher, sondern auch für Künstler und Sammler. Die Schenkung von Anton Henning ist sicherlich schon ein erster Erfolg, der nicht zuletzt auch auf das neue Ambiente zurückzuführen ist.

neue Lu: Welche Rolle übernimmt die Rudolf-Scharpf-Galerie, die wieder zum Wilhelm-Hack-Museum gehört, in der Zukunft?
Dr. Spieler: Die Rudolf-Scharpf-Galerie firmiert nun als Projektgalerie des Wilhelm-Hack-Museums für junge Kunst. Wir wollen dort konsequent junge Positionen zeigen und haben dafür einen Teil des Budgets aus dem Ausstellungsetat des Hack-Museums bereitgestellt. So können wir für jede Ausstellung auch einen kleinen Katalog machen, was gerade für die jungen Künstler sehr wichtig ist. Wir wollen RSG und WHM sehr eng zusammenbinden; das betrifft das Marketing – Internetauftritt, Anzeigen etc. - , aber auch das Programm. So haben wir im ehemaligen "Studio" des WHM unter dem Label "dis>play" eine neue Video-plattform eingerichtet, die in vielen Fällen von den Künstlern bespielt wird, die wir gerade in der Scharpf-Galerie zeigen.

neue Lu: Ihre erste Ausstellung in Ludwigshafen. Was erhoffen Sie sich davon?
Dr. Spieler: Ich erhoffe mir eine neue Aufmerksamkeit und Neugier der Besucherinnen und Besucher auf das Hack-Museum und sein Programm! Dass sie den Eindruck von Frische und Lebendigkeit, von Freude und Nachdenklichkeit, der von der modernen Kunst ausgeht, mit nachhause nehmen – und dann bald wieder zu uns kommen, um mehr davon zu sehen!   tim

 

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