Am 3. April wird Ehrenbürger Helmut Kohl 80 Jahre alt. Der ehemalige Bundeskanzler ist mit weitem Abstand der bekannteste Sohn Ludwigshafens. Als Politiker gehört er zu den herausragenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Von Helmut Kohl gibt es eine Geschichte, die mich immer besonders berührt hat. Es handelt sich dabei um seine Schilderung, wie er als gerade 15 Jahre alter Jugendlicher das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat:
Wie viele andere aus seiner Generation auch war Helmut Kohl Ende 1944 im Rahmen der Kinderlandverschickung aus der immer wieder von Bombenangriffen bedrohten Industriestadt Ludwigshafen nach Berchtesgaden evakuiert worden. Dort hört er im Radio von Straßenkämpfen in Ludwigshafen. Er macht sich sorgen um seine Eltern, und er hat auch Angst um sein eigenes Leben. Denn die Amerikaner bombardieren auch Berchtesgaden, aus dem Osten kommt die Rote Armee immer näher und die SS macht Jagd auf vermeintliche "Verräter" oder Deserteure, die an Straßenbäumen aufgehängt werden. In dieser Situation beschließt er mit einer Gruppe Gleichaltriger, sich zu Fuß auf den Weg nach Ludwigshafen zu machen. Unterwegs hören sie die Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation Hitler-Deutschlands. Wenn ich solche Geschichten – von Helmut Kohl oder von anderen Vertretern seiner Generation – höre, dann denke ich immer auch daran, wie dankbar ich dafür bin, dass ich in Frieden und Freiheit aufwachsen durfte.
Als Jugendlicher hat Helmut Kohl die Folgen des Krieges und das menschenverachtende Weltbild der Nationalsozialisten erlebt. In seinem katholischen Elternhaus und später im Kreis um Dekan Johannes Finck hat er ein Gegenmodell zu diesem Weltbild kennengelernt.
Der politische Neuanfang nach dem Krieg war die zweite prägende Erfahrung für den jungen Helmut Kohl. Aufmerksam und mit wachsender Begeisterung verfolgt er, wie der Italiener Alcide De Gasperi, der Franzose Robert Schuman und der Deutsche Konrad Adenauer die Fundamente für die europäische Einigung legen. Und in der Pfalz ist er von Anfang an dabei, als Katholiken und Protestanten sich in einer neuen Partei zusammenfinden, um Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes zu gestalten.
Aus Carl Zuckmayers Drama "Des Teufels General" stammt der Satz "Vom Rhein, das heißt vom Abendland". Der Historiker Helmut Kohl kennt die leidvolle Geschichte seiner pfälzischen Heimat, in der Deutsche und Franzosen über Jahrhunderte hinweg immer wieder Krieg gegeneinander geführt haben. Er weiß aber auch, dass die Pfalz zusammen mit anderen Regionen entlang des Rheines das historische und kulturelle Kernland Europas ist. Hier laufen viele Fäden der europäischen Geschichte zusammen, und am Rhein ist deswegen auch die entscheidende Nahtstelle für die Einigung Europas.
Die Öffnung der Grenzen durch das Schengener Abkommen und die Einführung des Euro durch den Vertrag von Maastricht waren Meilensteine in der Entwicklung Europas, die ohne den beharrlichen Einsatz von Helmut Kohl nicht denkbar wären. Nicht umsonst wurde er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundeskanzlers zum Ehrenbürger Europas ernannt.
Und ohne das Vertrauen, das sich Helmut Kohl bei den europäischen Partnern erworben hatte, wäre auch die Wiedervereinigung Deutschlands vor 20 Jahren in dieser Form sicher nicht möglich gewesen. Er hat – im Gegensatz zu vielen anderen – immer am Ziel der Wiedervereinigung festgehalten und die historische Chance, als sie sich dann bot, auch konsequent ergriffen.
Doch bevor er als Bundeskanzler Weltpolitik machte, war Helmut Kohl als Kommunalpolitiker in Ludwigshafen und als Landespolitiker in Mainz tätig. Das Stadtratsmandat legte er erst nieder, nachdem er zum Ministerpräsidenten gewählt worden war.
Heimat war – und ist – für Helmut Kohl eine wichtige Kategorie. Er hat immer auf seine Wurzeln in der Pfalz und in Ludwigshafen verwiesen, und er hat diesen Verweis auf seine Herkunft auch benutzt, um seine Vorstellungen von der Zukunft Europas zu begründen.
So wurde zum Beispiel der Rhein, dessen Strömung dem Jugendschwimmer aus Friesenheim einst alles abverlangte, beim Besuch Michail Gorbatschows im Juni 1989 in Bonn zum Thema einer politischen Parabel. Kohl führte Gorbatschow an das Ufer und sagte: "Schauen Sie sich den Fluss an, der an uns vorbeiströmt. Er symbolisiert die Geschichte; sie ist nichts Statisches. Sie können diesen Fluss stauen, technisch ist das möglich. Doch dann wird er über die Ufer treten und sich auf andere Weise den Weg zum Meer bahnen. So ist es auch mit der deutschen Einheit. So sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen – und auch die europäische Einheit."
Dass die Wiedervereinigung dann so schnell und im großen Einvernehmen mit den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges und den europäischen Nachbarn kam, war auch eine Folge des berühmten ZehnPunktePlans, den Helmut Kohl knapp drei Wochen nach dem Mauerfall in seinem Haus in der Marbacher Straße verfasst hatte.