Der Internationale Frauentreff wird 20 Jahre alt. Aus mindestens 40 Nationen besuchten junge und ältere Frauen in diesen Jahren den für sie wichtigen Anlaufpunkt. Für viele Besucherinnen war es darüber hinaus nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern zugleich ein Start in eine "bessere Zukunft", der die Möglichkeit der Weiterbildung und Hilfe in allen nur denkbaren Lebenslagen schuf. Sozialpädagogin Erika Ollerdissen (unser Bild), die den Frauentreff seit 1989 leitet, hat viele dieser Wege begleitet. Im Gespräch mit neue Lu-Redakteurin Dagmar Timpe-Kühl warf sie einen Blick zurück in zwei Jahrzehnte internationaler Ludwigshafener Frauengeschichte.
neue Lu: Frau Ollerdissen, warum wurde der Frauentreff gegründet und welche Botschaft wollte man damals mit dieser Bezeichnung herüberbringen?
Erika Ollerdissen: Frauen der ersten Migrantengeneration lebten relativ isoliert in der deutschen Gesellschaft. Der Internationale Frauentreff sollte ein Ort sein, an dem Frauen verschiedener Nationalitäten Kontakte herstellen und sich austauschen konnten, um gegenseitig von der Lebenserfahrung der anderen zu profitieren. Ein weiteres wesentliches Ziel war, zur Selbsthilfe zu befähigen.
neue Lu: Welche Nationalitäten waren es zu Beginn?
Erika Ollerdissen: Die meisten kamen aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien und Griechenland.
neue Lu: Wie haben sich die Frauen verständigt?
Erika Ollerdissen: Auf Deutsch, manche bruchstückhaft, andere wiederum mit Händen und Füßen.
neue Lu: Wie hat die Politik reagiert? Förderten auch Männer dieses Projekt?
Erika Ollerdissen: Der ehemalige Bürgermeister Rainer Rund hat das Vorhaben sehr unterstützt. Entwickelt hatte es sich aus der Arbeit mit Migrantenkindern. Es war entdeckt worden, wie wichtig die Mütter beim Zugang zu Informationen und Bildung sind. Früher war der Frauentreff außerdem ein Teil der "Koordinationsstelle für Ausländerarbeit" (KAAL). Diese ist 1992 aufgelöst worden. Nur der Frauentreff blieb erhalten.
neue Lu: Wie waren die Voraussetzungen vor 20 Jahren?
Erika Ollerdissen: Es kamen viele mit sehr geringer oder überhaupt keiner Schulbildung. Damals bestand die Überzeugung, die Migrantinnen zunächst in ihrer Sprache zu alphabetisieren bevor sie dann deutsch lernen. Heute geht man diesen Umweg nicht mehr. Es wird gleich in der deutschen Sprache alphabetisiert. Früher wurde auch separat unterrichtet. Inzwischen findet der Unterricht für alle Nationalitäten in einem Kurs statt. Das ist effektiver, weil dann deutsch gesprochen werden muss.
neue Lu: Sie sind umgezogen, vom Hemshof in den Westendtreff. Wann, warum und was hat sich dadurch verändert?
Erika Ollerdissen: Nach unserem Umzug im Jahre 1996 hat sich die Besucherinnenzahl konstant erhöht. Es sind heute doppelt so viele Frauen. Sie kommen aus ganz Ludwigshafen und dem Rhein-Pfalz-Kreis. Die Bildungsvoraussetzungen sind außerdem in den jeweiligen Herkunftsländern unterschiedlich. Viele der Frauen aus mehr als 40 Nationen verfügen über einen höheren Abschluss, Akademikerinnen sind ebenfalls dabei.
neue Lu: Welche Funktion erfüllt der Frauentreff mittlerweile?
Erika Ollerdissen: Er ist ein wichtiger Ort, um Kontakt herzustellen. Er hilft bei allen Fragen des Alltags, um sich schneller einzuleben. Es werden zahlreiche Kurse angeboten - Computer- und Internet inklusive - gemeinsam Feste gefeiert und Vorträge gehalten. Eine lange Tradition hat bei uns der Bereich Gesundheit und Ernährung. Deutschkurse in Kooperation mit der VHS mit Betreuung für Kinder bis zu drei Jahren stehen seit Gründung auf dem Programm. Regelmäßig finden zudem Integrationskurse statt. 630 Stunden sind ab 2005 per Gesetz zu absolvieren. Die Vielfalt wird ermöglicht durch eine enge Vernetzung mit vielen Kooperationspartnern, der Mitarbeit von Ehrenamtlichen und Honorarkräften.
neue Lu: Gab es Erfolge in all den Jahren?
Erika Ollerdissen: Wir konnten vielen Frauen in unterschiedlicher Form weiterhelfen. Es gelang auch, etliche Frauen in einen Beruf zu vermitteln. Doch das war früher leichter, als die Arbeitslosigkeit noch nicht so hoch war.
neue Lu: Und Rückschläge, waren die zu verkraften?
Erika Ollerdissen: Leider ja, ich erinnere mich da an einige traurige Geschichten, an Situationen, in denen es die Frauen nicht schafften, aus dem Kreislauf von Angst, Druck und Regeln auszubrechen.
neue Lu: Die Bundespolitik diskutiert derzeit über einen für alle verbindlichen Integrationsplan. Wird der Internationale Frauentreff nicht dadurch noch wichtiger?
Erika Ollerdissen: Das sehe ich auch so. Der große Vorteil dieser Einrichtung ist der "geschützte Raum", in dem Frauen aus Ländern mit anderen Wertvorstellungen ihre Ängste abbauen, sich öffnen können. Denn wenn diese Mütter erreicht werden, ist viel gewonnen. Mit ihrem Interesse, ihrer Bildung und ihren sprachlichen Fähigkeiten können sie viel dazu beitragen, dass ihren Kindern der Weg in die deutsche Gesellschaft erleichtert wird.
"Frauengeschichten"
Zum 20-jährigen Bestehen veröffentlicht der Internationale Frauentreff einen Erzählband. Darin schildern zwölf Frauen aus verschiedenen Ländern ihr Leben in der Heimat und ihre Erwartungen, die sie an ihr neues Zuhause Deutschland hatten. Diese sehr bewegenden Geschichten vermitteln einen tiefen Einblick in den mitunter sehr schwierigen Weg der Migrantinnen. Der Band wurde mit Mitteln des Programms Urban II realisiert. Er ist im Internationalen Frauentreff, Westendstraße 17, in der Zeit des Offenen Treffs, Dienstag von 14 Uhr bis 17 Uhr, zum Preis von 5 Euro erhältlich. Auskünfte dazu auch unter Telefon: 504-2576.