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neueLu November/Dezember 2006

"Anhand des Gestern über das Heute nachdenken"

Hansgünther Heyme inszeniert Euripides’ antikes Drama "Orestes"

Mit seiner Inszenierung von Euripides’ "Orestes" bereichert Pfalzbau-Intendant Hansgünther Heyme die II. Festspiele Ludwigshafen wieder mit einer eigenen Regiearbeit. Zugleich knüpft Heyme, der auch künstlerischer Leiter der Festspiele Ludwigshafen ist, damit an den im vergangenen Jahr begonnenen Antikenzyklus an. Über seine neue Inszenierung, eine Koproduktion mit dem Slowenischen Nationaltheater in Maribor, sprach Sigrid Karck mit Hansgünther Heyme.

neue Lu: Herr Prof. Heyme, mit "Orestes" wird es auch bei den II. Festspielen Ludwigshafen wieder eine eigene Regiearbeit von Ihnen geben. Was bedeutet es Ihnen, Regie zu führen? Und was ist das Besondere an dieser Kooperation mit dem Slowenischen Nationaltheater?
Heyme: Sehr schade ist es, dass die Produktion nicht deutschsprachig entstehen konnte. Die Finanzierung war leider im Angesicht unserer Geld-Situation nicht möglich. Ich musste ausweichen: aber in eine Sensation. Selten bin ich auf so besondere, so gute Schauspieler gestoßen, selten war ein Arbeitsklima so ausgezeichnet wie in Maribor und ich hoffe, somit konnte eine wirklich gute Vorstellung entstehen.
Ich bin "hauptberuflich" Regisseur – das Wichtigste in meinem Leben ist diese Arbeit (meine Familie möge mir vergeben, sie weiß, wie ich das meine …). Ich bin auch nach Ludwigshafen gekommen, um zweimal im Jahr hier eine Vorstellung mit guten Schauspielern entstehen zu lassen. Wie es auch 2007 aussieht, ist dies finanziell nicht möglich. 2008 müsste sich das wieder ändern. Trotzdem: Ich bin sehr froh über das slowenische Resultat. Die Vorstellung ist eine sehr sinnliche geworden. Auch ohne den Text zu verstehen, kann man verstehen. Wirklich grandiose Schauspieler machen dies möglich. Aber natürlich wird bei den Festspielen parallel übersetzt.

 

neue Lu: Ende September hatte Ihr "Orestes" in Maribor Premiere: Wie wurde die Inszenierung aufgenommen?
Heyme: Vom Publikum sehr gut. Auch in den Medien gab es tolle Kritiken. Vieles davon war ja auch in Ludwigshafen und Mannheim nachzulesen. Das Stück ist (in neuer Übersetzung ) die slowenische Uraufführung. Auch in Deutschland kennt man es kaum. In Griechenland dagegen wird es viel gespielt. Deutsche Übersetzungen sind grauenvoll, man müsste, wollte man es hier erarbeiten, einen guten Übersetzer beauftragen wie bei der "Elektra" im vergangenen Jahr.
Der Text ist von ungeheuerlicher Aktualität. Er handelt von jungen Menschen, die ihre Welt zu bauen versuchen, indem sie sie zerstören. Die Generationen vor ihnen haben sie allein gelassen. Es herrscht nichts als brutalste Ökonomie. Mord, Terror, Entführungen, Brandlegungen sind die Folgen. Die Welt ohne Götter ist leer. Die Welt ohne ein politisches System, welches den Menschen in seinen Nöten, seinen Hoffnungen in den Mittelpunkt seines Handelns stellt, existiert nicht. Wir kennen den Ausgang der Handlung…

 

neue Lu: Mit "Orestes" zeigen Sie nun die Fortsetzung der "Elektra", die bei den ersten Festspielen Ludwigshafen Premiere hatte. Welche Rolle nimmt die Antiken-Rezeption in Ihrer Festspielkonzeption ein?
Heyme: Eine große. Die Texte sind von höchster poetischer Qualität, sie sind von höchster politischer Verantwortung – im Verhältnis zu gesellschaftspolitischen Fragen der Zeit ihrer Entstehung. Dies letzte Stück des Euripides, welches vor seiner Verbannung in Athen entstanden ist, schildert radikal den Zerfall der Polis. Über das Heute gilt es anhand dieser präzisen Analyse des Gestern nachzudenken. Dies ist mit alten Texten möglich. Insofern werden diese Texte stets eine große Rolle in meiner Arbeit spielen.
Der "Orestes" ist übrigens alles andere als eine Fortsetzung der "Elektra". Jede Figur ist radikal anders, nicht übertragbar. Das antike Publikum kannte die Handlungen, die Plots. Wichtig war die Variante, die neue Sicht.

 

neue Lu: "Orestes steht am Beginn moderner Angst" sagen Sie. Können Sie diesen Gedanken bitte näher erläutern?
Heyme: Jahrhunderte lang bescherte uns christlicher Glaube Kriege und Tod, nun droht dies durch den Islam. Ist es der Glaube, der der Welt ungeheuerliche Brutalitäten schenkt? Oder sind es nur die schlimmen Verweser religiöser Vorstellungen, die Angst und Schrecken verbreiten? Euripides, Shakespeare, auch Schiller zum Beispiel meinen das letztere. Moderne Angst? Euripides beschreibt einen leeren Himmel über dem Menschen. Ist dies modern? Mit was füllt sich heute der Himmel? An uns müsste es liegen, selbstbestimmt Hoffnungen, Sehnsüchte, unsere Zukunft – auch unsere ethischen Institutionen - zu formen.
Und: um substanziell über "Angst" zu reden, bedürfte es zumindest einer Sonderausgabe der neuen Lu.


Info:
Orestes. Tragödie von Euripides
Erstaufführung in slowenischer Sprache (mit deutschen Übertiteln)
Inszenierung und Ausstattung: Hansgünther Heyme
Theater im Bühnenturm, Theater im Pfalzbau
Dienstag, 7. November, 19.30 Uhr und Mittwoch, 8. November, 19.30 Uhr

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