"Nach einer 13-jährigen Pause sind Sie heute ein in freier demokratischer Abstimmung von der gesamten Bevölkerung unserer Stadt gewählter Stadtrat." Mit diesen Worten begrüßte Oberbürgermeister Valentin Bauer die am 15. September 1946 gewählten Stadträte im "kleinen Sitzungssaal" des halb zerstörten BASF-Feierabendhauses.
22 der 50 Sitze waren an die SPD gefallen, 16 an die CDU, acht an die KPD und vier an die "Wirtschaftliche Vereinigung", eine Vorgängergruppe der FDP. Schon der Ort der Veranstaltung – ein städtisches Versammlungsgebäude war in der weitgehend zerstörten Stadt nicht erhalten – zeigte die außergewöhnlichen Umstände dieses Ereignisses. Die Abstimmung war die erste - jedoch nur weitgehend freie seit 1932, da über drei Prozent der Wähler als ehemalige Nationalsozialisten von ihr ausgeschlossen waren. Zudem fand die Wahl unter den Bedingungen einer Besatzungsregierung statt. Während die US-Behörden in Mannheim schon im Mai 1946 Kommunalwahlen abhalten ließen, hatten die Franzosen im Gleichklang mit den Briten und Sowjets erst im September Gemeindewahlen angesetzt. Die teilnehmenden Parteien waren erst wenige Monate offiziell zugelassen. Alle nahmen Traditionen der Weimarer Zeit auf und wurden von Männern dieser Epoche geführt. Auch das Durchschnittsalter der 46 Männer und nur vier Frauen im Rat war mit 52 Jahren recht hoch – ein "altes" Stadtparlament also, das nun dazu beitragen sollte, die ungeheure Not zu lindern und den materiellen und geistigen Wiederaufbau anzustoßen. "Die Aufgabe ... wurde in dieser Schwere noch keinem Parlament unserer Stadt seit ihrem Bestehen gestellt", betonte der Oberbürgermeister. Nur Einigkeit könne helfen, und Einigkeit jenseits aller weltanschaulichen Unterschiede zeigten die Stadträte auch in hohem Maße. Gestritten wurde ganz erdverbunden etwa darüber, wie drastisch man die Kartoffelnot bei der Militärregierung darstellen sollte. Finanzkrise und Entnazifizierung, Stromsperren und Brennstoffmangel, Er-nährungsengpässe und Verwahrlosung, Wohnungselend und die Unmöglichkeit angemessener Unterbringung der Schülerinnen und Schülern füllen die Seiten der Ratsprotokolle. Als der erste Nachkriegsstadtrat Ende 1948 seine Tätigkeit beendete, war die Not immer noch groß, nicht zuletzt wegen der Folgen der schrecklichen BASF-Explosionskatastrophe vom 28. Juli 1948, der auch ein Mitglied des Rats, Dr. Gerd Kochendörfer, zum Opfer gefallen war. Durch den Tod war der Schwerverletzte "von unsäglichen Schmerzen befreit worden".
50 Jahre Ortsbeiräte
Obwohl der Stadtrat bald als demokratisches Gremium der Teilhabe der Stadtbevölkerung an der Verwaltung Ludwigshafens etabliert war, blieben gerade in den 1938 eingemeindeten Ortsteilen viele Menschen unzufrieden. Ihnen fehlte eine "eigene Stimme" für den Ortsteil. In Oppau war der Unmut so groß, dass eine von großen Teilen der Bevölkerung gestützte Initiative seit 1952 vor Gericht für die Wiederherstellung einer eigenen Gemeinde stritt. Das Ansinnen wurde abgewiesen, doch nutzte die Stadt den seit 1954 durch die veränderte rheinland-pfälzische Gemeindeordnung bestehenden gesetzlichen Rahmen, um "Ortsbeiräte" und "Ortsvorsteher" in den Stadtteilen "Neu-Ludwigshafens" (Oppau-Edigheim, Oggersheim, Maudach, Rheingönheim) einzurichten. Die Mitglieder wurden vom Stadtrat gemäß den örtlichen Wahlergebnissen nach den Vorschlägen der Parteien gewählt. Als erster Ortsbeirat trat am 26. Januar 1956 das Oggersheimer Gremium im Gasthaus "Zum Goldenen Pflug" zusammen. Oberbürgermeister Werner Bockelmann begrüßte die neuen Vermittler zwischen Ortsbürgern und Stadtrat, mahnte aber gleichzeitig, dass die Interessen der Gesamtstadt nie außer Acht gelassen werden sollten. Ein gewisses Misstrauen schwang da in seinen Worten mit.
Die Einrichtung der Ortsbeiräte bewährte sich jedoch. Viele Vorschläge zur Verbesserung der Lage in den Stadtteilen wurden über die mit den lokalen Verhältnissen bestens vertrauten Ortsbeiräte an Rat und Verwaltung herangetragen. Die Ortsvorsteher wurden zu "Kümmerern" für viele Bürgerinnen und Bürger und zu Anlaufstellen, denen man mehr Vertrauen entgegenbrachte als den "fernen" Ämtern der Zentralverwaltung. 1966 wurde das Ortsbeirat/ Ortsvorsteher-Modell auch auf die inneren Stadtteile ausgedehnt. Seit 1999 werden die Ortsbeiräte und Ortsvorsteher direkt gewählt. moerz