Noch bis zum 19. Dezember erfreuen, verzaubern und berühren hochkarätige Kunstschaffende und Darsteller aus der ganzen Welt mit ihren Werken das Publikum der diesjährigen Festspiele unter dem von Ernst Bloch inspirierten Motto: Familienstand: "Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben" (Ernst Bloch, Geist der Utopie I). Emotionalisierend, abwechslungsreich und modern zeigen sich die von Theaterintendant Hansgünther Heyme ausgewählten Aufführungen. Einige Klassiker der Weltliteratur und Musikgeschichte werden in diesem Jahr innovativ umgesetzt und die Inhalte auf die heutige Gesellschaft projiziert. In einen modernen globalen Kontext bettet Brigitte Maria Mayer ihre Installation der klassischen Shakespeare-Tragödie über menschliche Abgründe ein und überschreitet dabei die Grenze zwischen Film und Theater. Zusätzlich präsentiert sie ihre 25-minütige Video-Installation "Der Tod ist ein Irrtum" mit ihrer Tochter Anna Müller als "Tod in Weiss" in der Hauptrolle. Mayers Werk "Anatomie Titus" wird erst im Februar 2009 seine offizielle Premiere an der Akademie der Künste in Berlin feiern, so dass dem Festspielpublikum mit dieser Vorpremiere ein ganz besonderer Leckerbissen geboten wird.
Neben dem Antiken-Zyklus konzentriert sich der Spielplan auf die Bereiche Tanz, Figurentheater, Schauspiel und "60 Jahre Israel". Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Staates Israel greift Katrin Kazubko mit "Gehen – Bleiben", der Bühneninszenierung der Tagebücher von Schriftsteller Victor Klemperer vom Hamburger Schauspielhaus, ein elementares Zeugnis israelischer Geschichte des 20. Jahrhunderts auf: In seinen Tagebüchern verarbeitete Klemperer auf bewegende und teils schockierende Weise die zunehmende Ausgrenzung von Juden aus der "Volksgemeinschaft", die er am eigenen Leib zu spüren bekam. Aus der jahrhundertelangen Judenverfolgung, die im Nationalsozialismus auf ihre abscheuliche Spitze getrieben wurde, resultierte ein Gefühl von Heimatlosigkeit, Trauer und Sehnsucht. Mit diesem Teil jüdischen Selbstverständnisses beschäftigt sich der Tanzabend "Das Ende als Zukunft" mit dem aus Film und Fernsehen bekannten Schauspieler Udo Samel. Inspiriert wurde das Stück durch Arbeiten von Dan Pagis und Ronny Someck, zwei der bedeutendsten Lyriker Israels.
Voller Gefühl präsentiert sich auch das originell umgesetzte Figurentheater "Hochzeit des Figaro" nach der musikalischen Vorlage von Wolfgang Amadeus Mozart. Gekonnt lässt der renommierte slowenische Pantomime Milan Sládek "die Puppen tanzen" und zeigt in seinem Eifersuchtsdrama, wie schmal der Grat zwischen Liebe und Leid sein kann. Zum Vorbild nahm sich Sládek das traditionelle japanische Bunraku-Theater, bei dem die nahezu lebensgroßen Puppen nicht an Fäden, sondern direkt auf der Bühne von Puppenspielern bewegt werden. Beim Gastspiel am 8. November, 18 Uhr, steht der 70-jährige Künstler auch selbst auf der Bühne.
Bezauberndes Highlight für kleine und große Zirkusfreunde am 7. Dezember, 15 und 18 Uhr, ist "La Lanterne Magique" mit seinen außerordentlichen Talenten die auch schon für den berühmten "Cirque du Soleil" aufgetreten sind. "La Lanterne Magique" ist ein 1991 gegründetes Familienunternehmen aus Frankreich mit dem Anspruch, Zirkus in Verbindung mit Tanz, Theater und Poesie zu einem magischen Erlebnis der Bühnenkunst zu erheben. Gegen die Wegwerfkultur stemmt sich Toni Bartl mit seinem Erfindungsgeist, Alltagsgegenstände zu Musikinstrumenten umzufunktionieren, die er zusammen mit Andy Asang und Daniel Neuner am 6. Dezember, 19.30 Uhr, beim Musikspektakel "Recyklang" erklingen lässt.
Den Abschluss der IV. Festspiele bildet Alain Platels und Fabrizio Cassols Ballett "Pitié!" am 18. und 19. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, in der Friedrich-Ebert-Halle. Die Bezeichnung "Ballett" sei laut Team aus Choreograph und Komponist eher mit einem Augenzwinkern zu verstehen und habe mit klassischem Ballett nicht viel gemein. Basierend auf Bachs "Matthäus Passion" verarbeitet "Pitié!" (zu deutsch "Mitleid") den Leidensweg Christi neu aus Sicht der Mutter, die in einem grausamen Zwiespalt steht. Tanz und Musik setzen diese tiefgehenden Emotionen in ästhetisch-anspruchsvolle Tanzbilder um. Platel stellt mit seiner meisterhaften Choreographie dem Publikum die radikale Frage, wofür man in unserer modernen Gesellschaft noch bereit wäre, sein Leben zu geben? sbo
Alle Aufführungen finden im Corso Film Theater, Wredestraße 18, bzw. der Friedrich-Ebert-Halle statt. Theaterkarten gibt es in der Stadtbibliothek, Bismarckstraße 44 bis 48. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 13 und 16.30 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 13 Uhr, an Spieltagen nur bis 18 Uhr, Abendkasse im Corso-Filmtheater ab 18.30 Uhr.