neue Lu: Frau Prof. Dr. Reifenberg, sie räumen der kommunalen Bildungspolitik einen hohen Stellenwert ein. Mit der Erarbeitung eines kommunalen Bildungsplanes übernimmt Ludwigshafen eine Vorreiterrolle in Rheinland-Pfalz. Warum bringt sich die Stadt hier so nachdrücklich ein?
Reifenberg: Der Zugang zu Bildung ist eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, für ihren Zugang zu Ausbildung und Beruf und ein materiell gesichertes Leben. Deswegen machen wir ergänzend zu den Schulen sehr frühe Angebote in den Kindertagesstätten; in den Kinder- und Jugendeinrichtungen der Stadt und der Freien Träger wird großer Wert auf außerschulische Bildung gelegt. Uns geht es darum, dass Kinder und Jugendliche in Ludwigshafen unabhängig von Nationalität oder sozialer Herkunft gute und faire Entwicklungschancen und Zukunftsperspektiven haben. Den richtigen Weg dahin sehen wir in der Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Verantwortet wird der neue Ansatz von unserer kommunalen Bildungs- und Jugendhilfeplanung, die erstmals einen Bildungsbericht erarbeitet und so genannte kommunale Bildungslandschaften herausarbeiten soll. Damit sind wir Vorreiter in Rheinland-Pfalz.
neue Lu: Was ist unter diesen kommunalen Bildungslandschaften genau zu verstehen?
Reifenberg: Der kommunale Bildungsbericht untersucht die Beteiligung unterschiedlicher sozialer Gruppen an schulischer und außerschulischer Bildung unter dem Aspekt der Teilhabechancen. Der Analyse schließen sich Handlungsempfehlungen an. Was auf den ersten Blick abstrakt klingt, hat sichtbare Folgen: Wir wollen uns gemeinsam mit allen handelnden Akteuren, also Schulen, Kindertagesstätten und Kinder- und Jugendeinrichtungen der Stadt und der Freien Träger, Institutionen und Verbänden auf kommunaler Ebene auf Bildungsziele verständigen. Wir werden die vorhandenen Strukturen und die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen vor Ort vernetzen. Dabei ist der Begriff der Bildungslandschaften dann durchaus auch wörtlich zu sehen, da die Planung auf die besonderen Gegebenheiten und Strukturen in den einzelnen Stadtquartieren eingeht.
neue Lu: Die Vernetzung von Angeboten und die Kooperation mit einer Vielzahl von Trägern ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Wie sehen Sie die Situation in Ludwigshafen?
Reifenberg: Wir haben in Ludwigshafen das Glück, ein funktionierendes und sehr gut ausgebautes Netzwerk zu haben. Stadt und Freie Träger arbeiten hervorragend zusammen und haben sich bereits in den vergangenen Jahren großen Herausforderungen gestellt. Ich denke da an den gemeinsamen Ausbau von Kindertagesstättenplätzen oder an die gemeinsam getragene Organisationsuntersuchung in den Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der in einem breiten politischen und gesellschaftlichen Konsens die Bedeutung und den Erhalt der Einrichtungen festgeschrieben hat.
neue Lu: Bildungs- und Familienpolitik finden sich auch im Aufbau Ihres De-zernates wieder. Worauf legen Sie besonderen Wert?
Reifenberg: Dieser politische Schwerpunkt soll auch in der Organisation des Dezernates erkennbar sein. Der Grundstein für die Stärkung der vernetzten Familienförderung und den Ausbau der kommunalen Bildungslandschaft wurde im Grunde schon mit der Neustrukturierung meines Dezernates und seiner Bereiche ab 2003 gelegt. Erstmals wurden die Bereiche Kultur, Schulen, Jugend und Familie in einem Dezernat zusammengefasst. Ein weiteres deutliches Signal war die Entstehung des Bereichs Schulen und Kindertagesstätten. Damit haben wir erstmals auch über die organisatorische Zuordnung klar gemacht, dass wir in den Kindertagesstätten wichtige Einrichtungen für die frühkindliche Bildung sehen. Diese organisatorische Veränderung spiegelt sich in neuen Angeboten und Kooperationen wider, die auf die Lebenssituation des Kindes bestmöglich eingehen. Ich denke dabei unter anderem an die kulturpädagogischen Angebote, die die Jugendförderung gemeinsam mit dem Theater im Pfalzbau oder dem Wilhelm-Hack-Museum macht. Mit der kommunalen Bildungs- und Jugendhilfeplanung haben wir künftig in meinem Dezernat eine Anlaufstelle, bei der die Fäden zusammenlaufen und die Vorschläge für Strategie und Umsetzung erarbeitet.
neue Lu: Der Ausbau des Betreuungsangebotes für Kleinkinder bis 2013 und die Einführung der Realschule plus bis 2010 sind weitere Zukunftsaufgaben, die im Kontext Familien- und Bildungspolitik umgesetzt werden sollen. Wie wird das alles verzahnt und vor allem: Kann die Stadt das alles leisten?
Reifenberg: Wir stehen vor einer Herkulesaufgabe, sowohl in der Abarbeitung der Planungen als auch in der Finanzierung. Bei der Einführung der Realschule plus sind die Rahmenbedingungen zum Beispiel noch nicht ganz klar. Da haben wir ein Signal vom Land, dass die Umsetzung möglicherweise doch etwas nach hinten verschoben werden soll. Beim Ausbau der Kindergartenplätze für zweijährige Kinder liegen wir im Zeitplan, hier sollen bis 2013 insgesamt 54 neue Kindergartengruppen entstehen. Die geschätzten Nettoinvestitionskosten für die Stadt betragen rund 22,7 Millionen Euro. Das ist angesichts der Haushaltslage ein Kraftakt. Ich bin dankbar, dass wir über die Notwendigkeit insgesamt im Jugendhilfeausschuss und Stadtrat einig sind. mü