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2008 steht an der Stadtspitze die erste unmittelbar von den Bürgerinnen und Bürgern gewählte Oberbürgermeisterin in der Geschichte Ludwigshafens, 24 von 60 Stadtratsmitgliedern sind Frauen und weitere 60 Frauen engagieren sich darüber hinaus politisch in Ausschüssen und Ortsbeiräten. Heute erscheint die Beteiligung und Mitbestimmung von Frauen in der Politik selbstverständlich. Dies war nicht immer so und in den Anfängen heftig umstritten. Erst seit 100 Jahren ist es Frauen erlaubt, sich politisch zu betätigen. Seit 90 Jahren dürfen sie wählen und gewählt werden. Nach der Revolution von 1918 wurde das aktive und passive Wahlrecht für Frauen gesetzlich festgeschrieben .

"Dieses Jahr ist ein Jahr wichtiger frauenpolitischer Jubiläen. Im November wollen wir mit Veranstaltungen und einer Broschüre an die Ereignisse erinnern und dabei auch den Bogen schlagen zur aktuellen und künftigen Präsenz von Frauen in der Politik. Es ist wichtig, dass Frauen sich einbringen und Verantwortung übernehmen für unsere Gesellschaft. Dabei sollte sich keine Frau von tradierten Rollenbildern beeinflussen lassen. Unsere moderne Gesellschaft braucht Frauen an allen Schaltstellen. Ich kann nur jeder Frau empfehlen, für ein politisches Amt zu kandidieren. Dies gilt für eine Kandidatur im Stadtrat über das Amt der Oberbürgermeisterin bis hin zu einem Mandat im Land- oder Bundestag", so Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse. "Es gibt 2008 noch weitere frauenpolitisch bedeutende Daten: Vor 60 Jahren wurde um die Aufnahme des Gleichberechtigungsartikels in die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland gerungen. Und seit 50 Jahren ist das Wort von Ehefrauen und Müttern in Fragen der Ehe und Kindererziehung von Rechts wegen nicht mehr weniger wert als das von Ehemännern und Vätern. 40 Jahre ist es her, dass eine Aktivistin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen mit dem berühmten Tomatenwurf gegen männliche Vorstandskollegen den Beginn der autonomen Frauenbewegung in Deutschland einläutete", beschreibt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Julika Vatter, die Entwicklung in der Diskussion um die Gleichberechtigung der Frauen. Auch für Julika Vatter selbst ist 2008 ein besonderes Jahr: Sie nimmt seit 20 Jahren bei der Stadt die Aufgaben als Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte wahr. In der rheinland-pfälzischen Gemeindeordnung wurde die Schaffung von hauptamtlich besetzten Gleichstellungsstellen in den kreisfreien Städten im Jahr 1994 festgeschrieben. Die Stadt Ludwigshafen hatte bereits Mitte der 80er-Jahre die Stelle einer Frauenbeauftragten geschaffen, die Julika Vatter seit 1988 innehat. Die Gleichstellungsstellen sollen einerseits Geschlechtergerechtigkeit einfordern und auf die ungleichen Chancen von Frauen und Männern aufmerksam machen. Außerdem bieten sie konkrete Hilfen für Frauen zum Beispiel in Lebenskrisen, beraten bei Fragen zur Berufstätigkeit und informieren über Qualifizierungsmöglichkeiten. Julika Vatter ist daneben das Engagement gegen Gewalt gegen Frauen ein besonderes Anliegen.

Bereits vor einigen Jahren hat sich die Historikerin Dr. Christiane Pfanz-Sponagel mit der Geschichte der Frauen in der Ludwigshafener Kommunalpolitik auseinander gesetzt. Im 19. Jahrhundert waren die Ludwigshafener Frauen ohne politische Rechte. "Frauenspersonen und Minderjährige" durften nach dem Bayerischen Vereinsgesetz vom 26. Februar 1850 auch in Ludwigshafen "weder Mitglieder politischer Vereine sein, noch den Versammlungen derselben beiwohnen". Der Ausschluss von Frauen wurde im Mai 1908 mit der Verabschiedung des Reichsvereinsgesetzes aufgehoben. Schon bald organisierten die Ludwigshafener Parteien spezielle Frauen-Versammlungen und luden dazu namhafte Gastreferentinnen unter anderem aus Berlin und Brandenburg ein. Diese sollten die Ludwigshafener Arbeiterinnen und (Arbeiter-) Frauen an die Politik heranführen und ihnen Vorbild sein. Die Forderung nach einem Stimmrecht für Frauen war in Ludwigshafen eher verhalten. Anders als in Mannheim bildete sich hier keine Ortsgruppe des Deutschen Verbandes für Frauen-stimmrecht. Am 12. November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten die Einführung des "…gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrechts… für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen…". Bei der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung im Januar 1919 durften Frauen in Deutschland erstmals wählen und gewählt werden. In Ludwigshafen waren damit dreimal mehr Personen stimmberechtigt als bei der Reichstagswahl zuvor. Für die Nationalversammlung kandidierten aus Ludwigshafen nur Männer. Die ersten Gemeinderatswahlen fanden im April 1920 statt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt wurden Frauen in den Stadtrat gewählt: Rosine Speicher (SPD), Maria Baur (DVP) und Elise Katharina Buser (Zentrum). Damit waren 7,5 Prozent der damals 40 Stadtratsmandate in Frauenhand. Schon bei der nächsten Gemeinderatswahl 1924 erhöhte sich der Frauenanteil um zwei Frauen auf 12,5 Prozent. Im Jahr 1988, also 70 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts, gehörten neun Frauen dem Stadtrat an. Damit hatte sich der reale Frauenanteil gegenüber der ersten Gemeinderatswahl zwar verdreifacht, aber der prozentuale Anteil aufgrund der Vergrößerung des Stadtrates auf 60 Mandate auf lediglich 15,25 Prozent verdoppelt. Heute steht Ludwigshafen mit einem Frauenanteil von 40 Prozent an der Spitze der kreisfreien Städte in Rheinland-Pfalz. Heike Scharfenberger ist Vorsitzende der SPD-Fraktion. Gleich hoch ist der Anteil der Frauen im Stadtvorstand: Seit 1. Januar 2002 werden die Geschicke der Stadt von Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse geleitet, seit 2003 zeichnet Prof. Dr. Cornelia Reifenberg als Dezernentin für die Bereiche Kultur, Schulen, Jugend und Familie verantwortlich. Die Ausarbeitung von Dr. Christiane Pfanz-Sponagel und weitergehende Informationen über die Frauen in der Ludwigshafener Kommunalpolitik gibt es in der Broschüre "Frauen.Einfluss.Macht", die die Gleichstellungsstelle neu aufgelegt hat, und die im November erscheinen wird.
Im Vorfeld der Kommunalwahlen bietet die Volkshochschule im Bürgerhof unter dem Titel "Mehr Frauen in die Kommunalparlamente 2009 – Frauen machen Kommunen stark" in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten eine Seminarreihe "Handwerkszeug für Frauen in der Kommunalpolitik" an. In den einzelnen Seminaren, die am 15. November 2008, 18. November 2008, 6. Dezember 2008 und 10. Januar 2009 angeboten werden, wird vermittelt, eigene Standpunkte zu diskutieren und überzeugend zu argumentieren, Sitzungen und Arbeitsgruppen erfolgreich zu moderieren, Themen wirksam vorzutragen und das Auftreten in der Öffentlichkeit zu verbessern. Nähere Informationen gibt es in einem Flyer, der bei der Volkshochschule und bei den Bürgerservicestellen ausliegt. Eine Anmeldung ist bei der Volkshochschule, Telefon 504-2238, oder online im Internet unter www. vhs-lu.de möglich.
Die Einführung des Frauenwahlrechts wird in Ludwigshafen im November gefeiert. Die Stadt lädt dazu am Mittwoch, 12. November, 18.30 Uhr, zu einer "Öffentlichen Versammlung für Frauen" ins Bürgermeister-Ludwig-Reichert-Haus, Bismarckstraße 44 bis 48, ein. Beigeordnete Prof. Dr. Reifenberg wird in Vertretung von OB Dr. Lohse die Gäste begrüßen. "Damenwahl zum Steinewerfen – Virginia Woolf, Suffragetten & Co" heißt es dann um 20 Uhr in einer inszenierten Lesung mit Edith Börner und Sonja Kargel in der Stadtbibliothek. In der Theatercollage beleuchten die beiden Kölner Schauspielerinnen die englische Frauenrechtsbewegung der Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts. In rasantem Szenenwechsel verkörpern sie die Schriftstellerin Virginia Woolf, die Anführerin der Suffragetten, Emiline Pankhurst und die Komponistin Ethel Smyth. Alle drei Frauen waren freundschaftlich verbunden. Der Eintritt ist frei. Auch Männer sind an diesem Abend herzlich in die Stadtbibliothek eingeladen. mü
Gleichstellungsbeauftragte Julika Vatter hat ihr Büro im 8. Stockwerk des Rathauses. Sie ist telefonisch unter 504-2087 zu erreichen, per E-Mail unter Julika.Vatter@ludwigshafen.de.
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