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neueLu September/Oktober 2007

Einblicke ins "wahre Leben"

82 Künstler beim 2. Fotofestival - Letizia Battaglia erhält Salomon-Preis

 

Auf das "wahre Leben" das schöne, aber auch brutal-grausame Geschichten schreibt, lenkt das 2. Fotofestival in der Metropolregion Rhein-Neckar den Blick. Eindringlich und schonungslos dokumentieren 82 Künstlerinnen und Künstler aus 30 Ländern, darunter auch "Mafia-Beobachterin" und Dr.-Erich-Salomon-Preisträgerin Letizia Battaglia, die soziale Wirklichkeit. Rund 350 Exponate werden unter dem Titel "Reality Crossings" vom 22. September bis 21. Oktober in wichtigen Kulturinstitutionen der Städte Ludwigshafen,
Mannheim und Heidelberg gezeigt.

Mit einer anderen konzeptionellen und ästhetischen Ausrichtung sowie dem neuen Festivalkurator Christoph Tannert geht das internationale Festival in die zweite Runde. "Meine Ausstellung soll eine inspirierende Bildmaschine sein", verdeutlicht der Projektleiter am Künstlerhaus Bethanien Berlin, der 1955 in Leipzig geboren wurde. Wenn der Besucher sich aufbrechen und verunsichern lasse, so werde er der Realität, die ihn umgibt, vielleicht auch anders gegenübertreten.
"Reality Crossings", die Überlappung von Realitäten, drückt sich sowohl in der Anordnung der Arbeiten als auch in der inhaltlichen Konstellation des Festivals aus. Sternförmig werden die Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung geführt, können sich verschiedene "wahre" Ebenen erwandern und mit eigenen Erfahrungen verknüpfen. Präsentiert werden Arbeiten von international bekannten Künstlern wie Tacita Dean, Peter Friedl, Via Lewandowsky, Walter Niedermayr und Michelle Sank.
Fotografie, Video und multimediale Installationen der zeitgenössischen Kunst werden zu sehen sein. Das Konzept ist außerdem so angelegt, dass alle Werke in allen drei Städten an einem Tag betrachtet werden können.

 

In dem Videoclip "Hullabelly for Turkish Woman" tanzen zwölf türkische Frauen verschiedenen Alters Hula-Hoop. Vom eigenen, europäischen Blick ebenso wie von der außereuropäischen Wahrnehmung spricht überdies Frank Rothes monumentale Bildserie "China Naked". Thilo Thielke gelang es, in das Krisengebiet der sudanesischen Region Darfur vorzudringen. Die unglaublichen Bilder von Kindersoldaten und zerstörten Dörfern, mit denen er zurückkam,  sind ebenfalls Teil der Ausstellung.
Im Kunstverein stellen Oliver Ressler, Oscar van Alphen, Carel van Hees, Geert van Kesteren, Uschi Huber und Lynne Marsh ihre Sicht der Realitäten dar.

 

 

In Ludwigshafen im Wilhelm-Hack-Museum finden unter anderem Ausstellungen von Roland Boden, Shirin Damerji, Christine de la Garenne, Verena Jaeckel und Otto Snoek statt. Die in Berlin arbeitende Künstlerin Nezaket Ekici, 1970 in der Türkei geboren, stellt zudem zwei Videoarbeiten sowie eine Fotoedition vor, die die Rolle der Frau im Islam thematisieren. In der Videoperformance „Veil Feight – Schleierkampf“ versucht die Künstlerin in schnellen Bewegungen den Schleier, der vor ihrem Gesicht auf und ab wedelt, vom Kopf zu lösen. 

 

 

Komplett ausgefüllt wird der Kunstverein von der auf fünf großen Screens und mit lauten, biestigen Sounds präsentierten Installation ">Play" von Carel van Hees. 

Darin geht es einzig und allein darum, was es hierzulande und in Europa heutzutage bedeutet, jung zu sein. Drei Jahre lang war Carel van Hees unterwegs, um in unterschiedlichen Wohnsituationen, auf der Straße, in Kaufhäusern, in Clubs und Bars, Schulen und Krafträumen zu fotografieren – auf der Suche nach sozialer Identität, Wunschprojektionen, Klängen, symbolischem Konsum, Markenhelden, Freiheit, Enttäuschungen – und der Frage, wie, wo und wann die Jugend stirbt und/oder dem Alter weichen muss in Gesellschaften, die immer mehr vergreisen.
Zum Innehalten an einem Ort, der schnell durchschritten wird – in Ludwigshafen der Zugang zur S-Bahn, Richtung Berliner Platz - lädt ein besonderes Projekt während des 2. Fotofestivals ein. Passend für Räumlichkeiten des Hindurchhastens hat Kris De Smedt eine Serie von Postern für den öffentlichen Raum entwickelt, die selbst wiederum Orte des Durchgangs und des Transitorischen zeigen und damit zur Begegnung des Übergangsraums mit seinem Bild führen.

Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden die "Artist-in-Residence-Projekte" von Beth Yarnelle Edwards, Michelle Sank und Kim Yunho. Die drei Künstler besuchten im Vorfeld des 2. Festivals Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg, um dort zu leben und zu arbeiten. Die Arbeiten der Amerikanerin Beth Yarnelle Edwards stellt das Wilhelm-Hack-Museum aus. Die Künstlerin fotografierte weltweit Menschen unterschiedlicher Herkunft in ihrem Zuhause. Während ihres Aufenthalts in der  Metropolregion besuchte sie auch Familien in den drei Festivalstädten.

Dr.-Erich-Salomon-Preis

 

Im Rahmen des Fotofestivals steht auch eine große Ehrung an. Am 29. September wird im Ernst-Bloch-Zentrum die bereits mehrfach ausgezeichnete Letizia Battaglia mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) geehrt. Als Fotographin, Stadträtin und Verlegerin hat sie ihr Leben dem Kampf gegen die Mafia verschrieben. Ihre Bilder sind aufrüttelnde Dokumente grauenvoller Verbrechen – Zeugnisse von unbeschreiblichem Leid. Manche Fotos sind unmittelbar nach der Tat entstanden. In Italien war Letizia Battaglia zuletzt auf der Liste der 1000 Welt-Friedens-Frauen, vorgeschlagen für den Friedensnobelpreis. Parallel dazu vermitteln während des Festivals fast 50 Aufnahmen von Battaglia im Ernst-Bloch-Zentrum einen Einblick in das Arbeitsleben der couragierten Fotografin. Als Auszeichnung für "vorbildliche Anwendung der Fotografie in der Publizistik" wurde 1971 der Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie ins Leben gerufen. Er dient zugleich dem Andenken an den großen Fotografen der Weimarer Republik, Dr. Erich Salomon, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Der Preis gilt neben dem Kulturpreis als höchste Auszeichnung der DGPh und wird jährlich vergeben.

Im Rahmen des 2. Fotofestivals wird vom 21. bis 23. September in der Musikschule Mannheim ein Reviewing veranstaltet. Dieses bietet den Fotografen die Möglichkeit, am Eröffnungswochenende des Festivals ihre Arbeiten von namhaften Persönlichkeiten aus der internationalen Fotografie- und Kunstszene begutachten zu lassen.
Eröffnet wird das Festival am Freitag, 21. September, 19 Uhr, in der Kunsthalle Mannheim. Daran schließt sich eine Party an. In den beiden anderen Städten führt Festivalkurator Tannert zum Auftakt in die Ausstellung ein: In Heidelberg am 22. September, 17.30 Uhr, Sammlung Prinzhorn, 19 Uhr, im Kurpfälzischen Museum und Kunstverein Heidelberg; in Ludwigshafen am 23. September, 11 Uhr, im Wilhelm-Hack-Museum und um 12 Uhr im Kunstverein Ludwigshafen.
Hauptsponsoren des 2. Fotofestivals sind die BASF Aktiengesellschaft und SAP. Unterstützt wird es außerdem von Südzucker, der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur, der Heinrich–Vetter–Stiftung, der Festivalregion Rhein-Neckar und den drei Städten Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen.   tim

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Preise pro Einzelausstellung und pro Person 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, Schüler 1,50 Euro und Kinder bis 6 Jahre frei. Angeboten wird auch ein Viererblock für 10 Euro zum Eintritt zu vier Einzelausstellungen nach Wahl und ein Achterblock für acht Ausstellungen zu 15 Euro. Im September 2007 erscheint eine Katalog-Sonderausgabe der Zeitschrift European Photography, Berlin, für 16 Euro. Weitere Informationen zum Begleitprogramm sowie zu den Veranstaltungsorten und Terminen in den Städten Mannheim und Heidelberg sind im Internet unter www.fotofestival-ma-lu-hd.de abrufbar.

 

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