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NeueLu Januar/Februar 2002

Stadtgeschichte - Seite für Seite ein Stück Ludwigshafen

"Seine Majestät der König haben die Bildung einer eigenen politischen Gemeinde Ludwigshafen, bestehend aus den Ansiedlungen zu Ludwigshafen, den Hemshöfen, dem Ganter- und Rohrlachhofe, so dann der Gräfenau, ferner die Bannabtheilung zwischen den Gemeinden Friesenheim, Mundenheim und Ludwigshafen nach dem Situationsplane K allergnädigst zu genehmigen geruht..." Auf des bayrischen Königs Maximilian II. allerhöchsten Befehl war Ludwigshafen damit 1853 eine selbständige Gemeinde geworden - mit eigenen Gemeinderäten und einer eigenen Verwaltung.Das Jahr 2003 steht daher im Zeichen eines Jubiläums. Stadtweit wird der Verleihung der Gemeinderechte gedacht, die dann 150 Jahre zurückliegen. Bis dahin kann Ludwigshafen ein weiteres Stück Identität vorweisen: Dann erscheint erstmals eine umfassende Stadtgeschichte, die in einem Guss die Entwicklung der Stadt bis heute beschreibt."Ja, die Stadtgeschichte ist nicht nur eine Pflichtaufgabe zum Jubiläum, sondern tatsächlich fällig", meint Stadtarchivar Dr. Stefan Mörz . "Wir haben eine Stadtgeschichte von 1903 und eine von 1953. Die neuere Zeit kommt entschieden zu kurz, denn die Epochen nach 1914 wurden bisher nicht umfassend beschrieben. Einzelne Teile der Stadtentwicklung sind zwar gründlich dokumentiert worden - so verfügen wir beispielsweise über eine gute Gewerkschaftsgeschichte - aber eine zusammenhängende Darstellung, die von Adam und Eva bis heute reicht, existiert bisher nicht. Das Gemeindejubiläum ist daher ein guter Anlass, diesen Mangel an Dokumentation zu beheben. "Seit Anfang 1999 betreiben daher unter der Federführung von Dr. Mörz 13 weitere Autoren ihre Quellenstudien, sichten Bilder und prüfen gründlich, was bereits an Material vorliegt.

Neben den "Eigengewächsen" aus dem Archiv, Dr. Stefan Mörz, Dr. Klaus J. Becker und Dr. Martin Furtwängler, konnten Autorinnen und Autoren aus Archiven des Umlandes und aus dem Umkreis der Universitäten Mannheim und Heidelberg gewonnen werden. Der Stadtarchivar hofft dabei, dass alle Kapitel rechtzeitig fertig sind: "Bei einem Team von 14 Autorinnen und Autoren, die alle voll im Leben stehen, macht die Einhaltung des Zeitplans dem Hersteller immer Kopfzerbrechen. Daher haben wir Wert darauf gelegt, dass sie jeder schon profund über Ludwigshafen geschrieben haben, also gewissermaßen eingearbeitet sind," erklärt der Stadtarchivar und weist gleich darauf hin, dass das richtige Maß zwischen wissenschaftlichem Anspruch und populärer Lektüre nicht einfach zu finden ist: "Eigentlich ist Geschichtsschreibung ein Eiertanz. Sie darf wissenschaftlich nicht anspruchslos, muss aber gleichermaßen fundiert und lesbar sein. Für viele scheint es ja nur die Wahl zwischen korrekt-langweilig oder flockig-flippig ohne Tiefgang."Damit jede Epoche richtig "rund" dargestellt wird, arbeiten die Autoren mit verschiedenen Vorgaben. Diese beginnen bei technischen Details wie Seitenumfang und Textlänge und verlangen insbesondere die Einhaltung eines inhaltlichen Rasters. So wird für jede Epoche die Bau-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte genauestens beleuchtet. "Es ist eine Geschichte der Menschen und nicht nur ,der oberen Zehntausend'", erläutert Dr. Becker, der für die Stadtgeschichte der Wiederaufbau-Ära nach dem Krieg zuständig ist. Der Leser erfährt also nicht nur von Besuchen der bayrischen Könige, Reichs- und Bundespräsidenten in der Stadt, sondern jede Menge Alltagsgeschichte: Dass es einmal ordentliche Rock'n-Roll-Krawalle mit Lederjungs und Pullimädchen in der Stadt gegeben hat, und dass der Bau der Hochstraßen damals eine Sensation war. Weil das Lesen dann mehr Spaß macht, wird der Haupttext ergänzt und aufgelockert durch kleine interessante Nebenthemen, Quellentexte oder genauere Persönlichkeits-Porträts.

Archivmaterial für die neuere Zeit finden die Autoren dabei in Hülle und Fülle. Ludwigshafen hat trotz des Krieges kaum Archivalien verloren. Es gibt eine Materialdichte, wie sie laut Dr. Mörz für eine westdeutsche Industriestadt nicht leicht zu finden ist. Der Stadtarchivar sieht die jüngste Epoche daher "in tendenziell einmaliger Weise vollständig" und lobt besonders die Herren der früheren Stadtspitze, die so weitsichtig waren, nichts wegzuwerfen und stattdessen in den 60- und 70-Jahren alles nicht mehr benötigte Aktenmaterial dem Archiv zu übergeben. Weiteres Material kommt aus dem Landesarchiv in Speyer, vor allem die Geschichte bis 1850.Außerdem wollte es der Zufall, dass Hunderte von alten Fotos den Weg ins Archiv fanden. Parteienbestände konnten integriert werden, und Klaus J. Becker sammelt fleißig Privatarchive und Nachlässe. Das Archiv des Alt-Oberbürgermeisters Dr. Werner Ludwig hatte dabei Vorbildfunktion, ihm folgten die Sammlungen des ehemaligen städtischen Beigeordneten Karl-Horst Tischbein und in jüngster Zeit die Sammlung des. aus Ludwigshafen stammenden Schriftstellers Friedrich Burschell.Trotzdem heißt "Stadtgeschichte machen" nicht einfach bereits vorhandene Texte abschreiben und neu mischen. Je näher ein Autor in die Gegenwart rückt, desto mehr aufbereitetes Material wird er finden. Geht er weiter in die Vergangenheit, kommt er häufig nicht umhin, alte Quellen noch einmal selbst zu prüfen. Was die Autorinnen und Autoren zusammengetragen haben, wird bei regelmäßigen Treffen besprochen und dort werden auch die anstehenden Entscheidungen getroffen. Dabei sind gelegentlich Hürden zu nehmen, die ein Leser des fertigen Produkts kaum ahnt. So zum Beispiel die Sorge aller Regal-Ästheten: Wie soll das fertige Werk aussehen? Und vor allem: Wird die Stadtgeschichte in einen großen Prunkband von 1000 Seiten mit schönen Bildern und glänzenden Seiten verpackt? Eine gefällige Vorstellung, vor allem, weil dadurch ein ansprechendes Gastgeschenk für die Stadtrepräsentation geschaffen wird. Dennoch kann sich der Stadtarchivar eine andere Buchform vorstellen: "Ein Werk dieses Formats nimmt man nicht mit ins Bett oder mit zum Picknick. Mit drei oder vier Bänden, die in einen Schuber kommen und sich in der Rückenansicht zu einem passenden Bildmotiv ergänzen, kann ein Leser mehr anfangen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Prunkstücke zwar mehr gekauft, aber weniger gelesen werden. Deswegen ist es nicht ausgeschlossen, dass wir ‚handhabbar' gegenüber ‚repräsentativ' den Vorrang geben."

Es gibt also schon eine Fülle an Material und Autorinnen und Autoren, die seit fast drei Jahren fleißig recherchieren und schreiben. Bleibt noch die Frage: Dürfen die Leserinnen und Leser der Stadtgeschichte auf etwas Besonderes gespannt sein?"Auf alle Fälle", sinniert Dr. Mörz. "Sie werden sehen, auf was für eine interessante Stadtentstehung wir zurückschauen können - an der damaligen Kleinstadt Ludwigshafen und den sieben umgebenden Dörfern kann man die Geschichte der ganzen Pfalz ablesen! Außerdem warten bisher unveröffentlichte Bilder darauf, betrachtet zu werden. Und vielleicht müssen die Maudacher ihre bisherigen Erkenntnisse über die Herkunft des Ortsnamens noch einmal überdenken."

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