25. Mai bis 13. August 2017

Daniel Roth, Der See, 2017, Wandfarbe, Wandzeichnung, Holz,               Aluminium, Seil, Aluminium- und Gipsguss, variable Dimension, © Meyer Riegger Karlsruhe

Der österreichische Grafiker Alfred Kubin (1877-1959) erschuf zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine fantastische und mythische Bildwelt: Die Zeichnungen und Illustrationen seines Frühwerks zeigen unwirkliche Traumszenen in denen neben Menschen, Kriegern und Königen auch Fabelwesen, Drachen und Dämonen die Akteure sind. In seinem einzigen Roman Die andere Seite von 1909, der der Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein ihren Titel verleiht, beschrieb Kubin ein fernes Land der Träume, einen fremden Ort, der frei von allen Regeln und Grenzen ist und an dem kein Wunsch unerfüllt bleiben soll. Als Illusion entpuppt, löst sich diese Vision jedoch in einer Katastrophe auf; der einstige Traum des Protagonisten schlägt in einen Albtraum um.

Die Vertreter des Surrealismus, zu deren Vorläufern der junge Alfred Kubin gezählt werden kann, verstanden sich als Verfechter eines "psychischen Automatismus“, der das Handeln nach Vernunft durch ein freies Spiel der Gedanken ablöste, eine klar formulierte Legitimation zur Erforschung des Unterbewusstseins durch Träumen. Die Entfesselung der metaphorischen Fähigkeiten des Geistes und die gezielte Förderung assoziativer Ausdrucksformen sollte das Bewusstsein erweitern und die Erkenntnis einer höheren Wirklichkeit bringen. Deutlich beeinflusst durch Sigmund Freuds damals noch frischen, wissenschaftlichen Erkenntnissen zur menschlichen Psyche, betonten die Surrealisten die Bedeutung von Träumen, Fantasien und unterdrückten Gefühlswelten.

Ausgehend von Kubins Frühwerk, welches seinen Roman einschließt, beschäftigt sich die Ausstellung Die andere Seite – Erzählungen des Unbewussten vom 25. Mai bis zum 13. August 2017 mit der anderen Seite unseres Bewusstseins und stellt dem surrealistischen Künstler-Künstler herausragende Positionen der zeitgenössischen Kunst gegenüber. So stellt die Exposition die Frage nach surrealistischen Anklängen in der internationalen Gegenwartskunst und wiederholt und aktualisiert zugleich den surrealistischen Aufruf zum Eintauchen in die Erzählungen des eigenen Unterbewusstseins.

Wundersames Zauberland

Dem Zusammenspiel von Traum und Psyche, aber auch dem Phantastischen, dem Grotesken, Tragischen und Magischen kommt somit im Ausstellungparcours eine tragende Rolle zu. Arbeiten von Thomas Feuerstein, Dorota Jurczak, Henrique Oliveira, Hans Op de Beeck, Daniel Roth, Markus Schinwald, Chiharu Shiota und Stéphane Thidet fügen sich im Ausstellungsraum des Museums als wundersames Zauberland phantastischer Erzählungen zusammen und schlagen spielend Zeitsprünge zwischen den Bildwelten Kubins und der Gegenwart. Hierbei reiht sich räumlich eine Narration an die Nächste. Grafiken Alfred Kubins sind als zentrales Moment zugleich Auftakt und Möglichkeit eines ständigen Rückbezugs in der Ausstellung.

Titelbild: Stéphane Thidet,  Sans titre (Le Refuge), 2007, Holz, Möbel, Pumpen, Wasser, 550 x 350 x 480 cm, Collection Vranken-Pommery, Reims © Cecil Mathieu