Die Volkshochschule (VHS) Ludwigshafen feiert in diesem Jahr ihren 120. Geburtstag sowie das Jubiläum "75 Jahre Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg". Erfahren Sie mehr über die VHS und ihre Geschichte im Interview mit Sozialdezernentin Beate Steeg und VHS-Leiterin Stefanie Indefrey.

Die VHS wird 120 Jahre alt. Wie muss man sich die VHS zur Zeit der Gründung vorstellen? Welche Angebote gab es denn damals überhaupt schon?

Stefanie Indefrey:

Die VHS wurde in Ludwigshafen von einer "Vereinigung zur Veranstaltung von Volkshochschulkursen" gegründet - ein Zusammenschluss aus "Kaufmännischem Verein Ludwigshafen", dem "Gewerbe-Verein", der Ortsgruppe des "Bayerischen Lehrer-Verbandes" und dem "Arbeiter-Fortbildungsverein". Das "Kartell der sozialistischen Gewerkschaften" war zusammen mit dem "Kaufmännischen Verein" Ideengeber gewesen. Das Angebot bestand in den Gründungsjahren von 1901 bis in den Ersten Weltkrieg hinein ausschließlich aus Vortragsreihen. Die erste Reihe hatte den Titel "Verbrechen und Verbrecher" und fand im Gesellschaftshaus, der wichtigsten Veranstaltungsstätte in Ludwigshafen, statt. An allen fünf Abenden referierte der Heidelberger Universitätsprofessor Dr. Gustav Aschaffenburg. Auch die Vortragsreihen der folgenden Jahre wurden von Referenten der Universität Heidelberg gehalten und damit tatsächlich eine Art "Hochschule" für die breite Bevölkerung geschaffen. Über die Besucherzahlen zum Beispiel des Vortrags am 10. Januar 1902 aus der Reihe "Ernährung und Verdauung" von 500 bis 600 Personen können wir heute nur staunen.

Was hat sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verändert? Wann kamen die vielen verschiedenen Programmbereiche auf?

Stefanie Indefrey:

In der Gründungszeit sollten das Bildungsstreben von Erwachsenen gefördert und dem Publikum die Erkenntnisse der sich rasch entwickelnden Wissenschaften verständlich gemacht werden. Im Dritten Reich wurde wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche auch die Volksbildung gleichgeschaltet und für völkische Propaganda genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es am 10. Juli 1946 zu einer Neugründung. Bürgermeister Ludwig Reichert war dabei die treibende Kraft und stellte sowohl die politische und geschichtliche als auch die kulturelle und naturwissenschaftliche Bildung in den Mittelpunkt. Nach und nach wurde das Programm um berufspraktische Angebote, Fremdsprachenkurse und zum Beispiel Kurse über Heimgärtnerei erweitert.

In den 1950er Jahren wurden kulturelle Veranstaltungen am stärksten nachgefragt, gefolgt von wirtschaftspraktischen Kursen und Sprachkursen. Zu Beginn der 1960er Jahre, während der Zuwanderung von "Gastarbeitern", gab es erstmals einen Kurs "Deutsch für Ausländer". "Frauenkurse" waren vor allem Hauswirtschaft und Gymnastik.

Die 1970er Jahre veränderten die Ausrichtung der Volkhochschule. Bildung sollte Chancengleichheit für bildungsferne und benachteiligte Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Somit wurde die berufliche Bildung wieder verstärkt, neben einer Vielzahl von kaufmännischen Inhalten wurden bereits 1971 EDV-Kurse ins Programm genommen. Weitere neue Schwerpunkte stellten Sprach- und Beratungsangebote für ausländische Menschen dar sowie Lehrgänge für pädagogisches Fachpersonal und Elternseminare sowie die ersten Vorbereitungslehrgänge zum nachträglichen Erwerb des Haupt- oder Realschulabschlusses.

Im Jahr 1981 begann die Alphabetisierungsarbeit an der VHS Ludwigshafen, die bis heute andauert, später kamen noch Lese- und Schreibkurse für Menschen mit geistiger Behinderung dazu. 1982 zog die VHS dann ins ehemalige Stadthaus im Bürgerhof, also endlich in ein eigenes Gebäude.

In den 1990er Jahren entstand der Begriff des "Lebenslangen Lernens". Kulturdezernent Günther Ramsauer konstatierte 1992 den "Doppelauftrag der VHS", "Hort der Kreativität" und "wichtige Bildungseinrichtung zu sein, für Menschen, die bestimmte Bildungsstandards nachholen wollen". Dieser Auftrag prägt bis heute die Arbeit der Volkshochschule.

Wie frei ist denn die VHS in Ludwigshafen in ihrer Programmgestaltung, welche Dinge sind vom Landes- oder Bundesverband der Volkshochschulen vorgegeben?

Stefanie Indefrey:

Es gibt Leitlinien und Vereinbarungen von den Volkshochschulverbänden darüber, wie Erwachsenenbildung in Volkshochschulen generell gestaltet und ausgerichtet sein soll. Sie soll auf wissenschaftlicher Grundlage stattfinden, soll weltanschaulich neutral gestaltet sein, soll aber auch durchaus verschiedene Meinungen über ein Thema zur Diskussion stellen und zum Diskurs einladen. Es soll immer organisiertes Lernen nach einer Unterrichtsplanung stattfinden und alle Methoden der modernen Didaktik sollen Anwendung finden.

Eine Weiterbildungseinrichtung in Rheinland-Pfalz muss laut Weiterbildungsgesetz mindestens in vier Bereichen Angebote machen, unsere VHS macht Angebote in sechs Bereichen. Zusätzliche Auflagen gibt es, wenn Kurse nach dem Weiterbildungsgesetz gefördert werden sollen. Das heißt, wir dürfen vieles durchführen, es wird aber nicht alles gefördert.

Welche aktuellen Trends gibt es denn bei Volkshochschulen beziehungsweise in der Weiterbildung?

Stefanie Indefrey:

Digitalisierung ist natürlich ein großes Thema. Das war vor der Corona-Pandemie schon so und hat sich nun verstärkt. Da geht es beispielsweise um die Nutzung von digitalen Endgeräten im Präsenzunterricht, oder die Nutzung von Wörterbüchern auf dem Handy im Sprachunterricht genauso wie um reine Online-Kurse. Ansonsten greift die VHS immer Themen auf, die in der Gesellschaft diskutiert werden wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Verbraucherthemen wie Geldanlagen oder Leben im Alter oder auch Gesundheitstrends wie Waldbaden und Entspannung im Freien. Dazu kommen die zeitloseren Angebote in der kulturellen Bildung wie Literatur, Silberschmieden, Nähen und Fotografie, in denen es natürlich auch immer wieder Neuerscheinungen und neue Techniken gibt. Besonders in den Schulabschlusskursen und in der beruflichen Bildung werden alle Themen und Wissensgebiete ständig an den aktuellen Stand angepasst. Das Online-Seminar "Erfolgreich und gesund im Homeoffice" im zweiten Semester 2020 ist so ein Beispiel.

Frau Steeg, wie sehen Sie die Rolle der VHS in und für Ludwigshafen?

Beate Steeg:

Die VHS ist in Ludwigshafen das zentrale Weiterbildungszentrum. Bildung und Weiterbildung sind Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe. Nicht umsonst ist die VHS seit 2003 im Sozialdezernat verortet, wir setzen damit den sozialen Auftrag um, Bildung und Weiterbildung quer durch alle gesellschaftlichen Milieus zu fördern und wo nötig, Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten zu unterstützen. Dies geschieht mit Deutschkursen, Alphabetisierungskursen und Schulabschlusslehrgängen genauso wie mit Kursen zu gesellschaftlicher, politischer, fremdsprachlicher und kultureller Bildung. Die VHS deckt in sechs Programmbereichen alle Bedarfe an Erwachsenenbildung ab, die nicht von anderen Bildungsakteuren wie Betrieben oder Kammern, Hochschulen, oder freien Trägern bedient werden.

Welche Herausforderungen gibt es für die VHS zurzeit?

Beate Steeg:

Die Bewältigung der Corona-Pandemie stellt uns natürlich täglich vor große Herausforderungen. Im Frühjahr und im Sommer ging es vor allem darum, die immer wieder neuen Verordnungen umzusetzen, um die Teilnehmenden und die Mitarbeitenden bestmöglich zu schützen und trotzdem einen Kursbetrieb aufrechterhalten zu können. Wir nehmen zudem gern die Herausforderung an, in jedem Jahr aufs Neue ein Programm zusammen zu stellen, das auf die unterschiedlichen Bedarfe einer vielfältigen und heterogenen Gesellschaft eingeht.

Wie wird der Geburtstag gefeiert?

Stefanie Indefrey:

Was wir auf jeden Fall schon verraten können, ist der Krimiabend mit Lesung und Krimirätsel im Livestream, mit dem wir am 15. Januar ins Jubiläumsjahr starten werden. Er soll auf humorvolle Weise an den ersten Vortrag aus der Reihe "Verbrechen und Verbrecher" erinnern. Ab Februar wird eine Jubiläums-Straßenbahn durch Ludwigshafen rollen und im Sommer haben wir vor mit unseren Dozentinnen und Dozenten zu feiern. Alles Weitere wird eine Überraschung, die wir immer erst lüften, wenn wir wissen, was die aktuelle Lage zulässt.