Den Anfang machten 500 Meter Kanal in der Bahnhofstraße. Heute misst das Kanalnetz der Stadt über 500 Kilometer. Dazwischen liegen mehr als 150 Jahre Arbeit von Ingenieuren, Technikern, Handwerkern und Kanalwärtern der Stadtentwässerung Ludwigshafen.

1852: die Gemeinde Ludwigshafen

Farbige Federzeichnung des Querschnittes der ältesten Kanäle der Stadt in der heutigen Bahnhofstraße um 1855/56.

Am 27. Dezember 1852 genehmigte König Maximilian II. die Bildung der selbständigen politischen Gemeinde Ludwigshafen. Der Ort bestand damals im Wesentlichen aus den heutigen fünf Straßen: Bahnhofstraße, Wredestraße, Bismarckstraße, Ludwigstraße und Kaiser-Wilhelm-Straße. Anfangs wurde das Regen- und Schmelzwasser des Ortskerns zunächst nicht in Kanälen, sondern über die Rinnsteine zum nahen Rhein geleitet. Bei starken Niederschlägen machte sich immer wieder beträchtlicher Abwasserrückstau unangenehm bemerkbar: Höfe und Keller wurden überflutet.

1855 entsteht der erste Kanal in der Bahnhofstraße

Sinkkastenreinigeraufbau auf einem Pferdezugwagen

Um den häufigen Überflutungen Herr zu werden, begann man im Jahr 1855 mit dem unterirdischen Kanalbau: In der heutigen Bahnhofstraße wurde der erste Entwässerungs-Kanal der Stadt gebaut. Die städtischen Kanäle dienten zunächst nur der Straßenentwässerung. Die Industrie - vorwiegend Chemie-Fabriken - entsorgte ihre Abwässer durch eigene Kanäle in den Rhein oder in tiefer gelegene Weiher. Derartige Abwasserentsorgung bedrohte die Gesundheit der Bevölkerung und das Grundwasser. Die Gemeinde reagierte auf diese Gefährdung mit dem Bau eines Hauptsammlers durch das Entsorgungsgebiet mit einem Pumpwerk hinter dem Hochwasserdamm. Teile dieses ersten Hauptsammlers - ein Kanal mit einer Höhe von 1,5 Metern - aus dem Jahr 1881 sind noch heute in Betrieb.

"Geruchlose Leerung der Aborte" ab 1887

Mit Blick auf die Stadthygiene war auch eine einheitliche Regelung und Kontrolle der Fäkalienentsorgung nötig. Ludwigshafen schuf 1886 durch ortspolizeiliche Vorschriften verbindliche Richtlinien für die Errichtung und den Betrieb einer städtischen "Latrinen-Abfuhr-Anstalt" "zur geruchslosen Entleerung der Aborte" und vergab diese 1887 in die Regie privater Firmen "mit dem Rechte der Gebühren-Erhebung".

Erstes Gesamtentwässerungskonzept 1908

Feierlichkeiten zur Fertigstellung des Trennbauwerks in der Roonstraße im Jahr 1919.

Ende des 19. Jahrhunderts stiegen die Bevölkerungszahlen der Stadt durch Eingemeindungen und die sich ausbreitende Industrie sprunghaft an. 1908 wurde für das Stadtgebiet ein Gesamtentwässerungskonzept erstellt und bei der Aufsichtsbehörde zur Genehmigung eingereicht. Das Projekt sah die Ableitung von sämtlichen Abwässern (auch der menschlichen "Abgänge" mittels Wasserspülung) und Niederschlagswasser in einem Kanalsystem vor. Wegen des Kriegsausbruchs 1914 kamen die Bauarbeiten erst 1919 in Gang.

Kläranlagenbetrieb ab 1923

Ansicht der Kläranlage in Oggersheim.

Mit der Inbetriebnahme der Kläranlage am heuteigen Unteren Rheinufer im Jahr 1923 war der unmittelbare Anschluss von häuslichem Schmutzwasser auch aus den Toilettenanlagen erlaubt. Die Mehrzahl der Anwesen hatte eine Abwassersammelgrube mit Überlauf an den Kanal eingerichtet. Inzwischen schritt auch der Ausbau der Kanalisation immer weiter fort. In Oggersheim wurde 1928 in der Nähe des Oggersheimer Altrheingrabens eine weitere Kläranlage in Betrieb genommen. Auch in Oppau entstanden am Rheinweg auf dem heutigen BASF-Gelände1929 eine teilbiologische Abwasserreinigungsanlage und ein Pumpwerk.

Kriegsschäden und zunehmende Umweltverschmutzung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war das städtische Kanalnetz an über 1.000 Stellen beschädigt. Die Abwässer drangen zum Teil in die Keller der Wohngebäude ein und die Seuchengefahr war sehr hoch. Die Instandsetzung des Kanalnetzes dauerte bis in die Mitte der 1950er Jahre an. Zu Beginn der 1960er Jahre war das Wasser des Rheins durch die Abwässer der Städte und der Industrie stark belastet. Kommune und Unternehmer beschlossen zu handeln: 1967 wurde zwischen BASF und der Stadt Ludwigshafen ein Vertrag über den Bau und Betrieb einer gemeinsamen Kläranlage geschlossen, die 1974 in Betrieb ging. Nachdem zu Beginn der 1970er Jahre an den Übergabestellen Unteres Rheinufer und Rheinstraße die Pumpwerke errichtet worden waren, konnten die alten Kläranlagen an diesen Standorten stillgelegt werden.

Der Rhein erholt sich

Die Wasserqualität des Rheins hat sich im Abschnitt oberhalb Mannheim-Ludwigshafens seitdem drastisch verbessert. Zählte man ihn 1972 zu den sehr stark beziehungsweise übermäßig verschmutzten Strecken, so war er 1985 nur noch "mäßig" belastet. Entsprechend begann sich auch die Fauna des Flusses zu regenerieren. 1995 wurde festgestellt, dass man im Rhein wieder baden könne, womit das 1961 wegen Verschmutzung verhängte Badeverbot der Vergangenheit angehörte. Im Jahr 2002 wurde erstmals seit fast 50 Jahren ein atlantischer Stör im Strom vor der BASF gefangen.

Zu den Vorsorgemaßnahmen für den Gewässerschutz gehört auch die Regenwasserbehandlung. 1966 wurde die erste Regenwasseranlage in Niederfeld fertig gestellt. In den 1970ern und 1980ern folgte der Bau weiterer Regenwasseranlagen und Mischwasserpumpwerke, die bis heute als Speicher- und Reinigungsanlagen dienen und das Kanalnetz entlasten. Die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern, Kommunen und Industrie für den Gewässerschutz haben dazu geführt, dass der Oberrhein heute eine Gewässergüte wie im ausgehenden 19. Jahrhundert aufweist.

Mit Sanierungsmaßnahmen ins neue Jahrtausend

Ein über 500 Kilometer langes und über 150 Jahre gewachsenes Kanalnetz muss erhalten und erneuert werden. Die 1990er Jahre waren vor allem durch Sanierungsmaßnahmen und die hydraulische Verstärkung des Kanalnetzes und den Bau weiterer Regenwasseranlagen bestimmt. Auch im neuen Jahrtausend gehen die Sanierungsmaßnahmen und der Bau von neuen Regenüberlaufbecken weiter. Jüngste Beispiele sind der Ausbau der Regenwasseranlage Froschlache (2011), wo an den bestehenden Regenüberlauf ein Pumpwerk mit Regenüberlaufbecken, Retentionsfiltern und Rückhaltebecken angeordnet wurden und die Errichtung des Regenrückhaltebeckens in der Sternstraße (2012). In den kommenden Jahren bleibt der Ausbau der Regenwasserbehandlung ein Schwerpunkt der Investitionstätigkeit der Stadtentwässerung.